Berlin : Marlene sieht alles

Wowereit an der Westküste (2): Maria Riva übergibt dem Regierenden ein Dietrich-Bild für die Ehrenbürgergalerie

Gerd Nowakowski[Los Angeles]

Von Gerd Nowakowski,

Los Angeles

Was war der wahre Blick von Marlene Dietrich? Darüber hat sich die Familie richtig gestritten, erzählt Matthew Riva. Er ist Marlenes Urenkel. Der 26-Jährige hat ihr Porträt gemalt, das im Hollywood Entertainment Museum an Klaus Wowereit übergeben wurde. Es soll künftig in der Galerie der Berliner Ehrenbürger im Abgeordnetenhaus hängen. Aus einem tiefschwarzen Hintergrund, der ins Violette changiert, tritt das ausdrucksvolle Gesicht der Schauspielerin heraus. Als Vorlage hat Matthew Riva das letzte Foto genommen, das von Marlene Dietrich vor ihrer Emigration aus Deutschland gemacht wurde. Aufgenommen hat es der Regisseur Josef von Sternberg.

Der Blick der Dietrich ist jedoch ungewöhnlich. Der „wahre Blick“, sagt die Tochter Maria Riva. Ihr Sohn Paul Riva nennt es einen strengen Blick. Er hat seine Oma häufig gesehen, am Wohnort in Paris, aber auch in den USA. Ihr Blick war fordernd, habe ihr eine körperliche Präsenz gegeben. Marlenes Blick habe man im Rücken gespürt, erinnert sich Matthew Riva, der beim Tod der Urgroßmutter 16 war. „Das ist der Blick, der geht durch dich durch“, sagt Maria Riva. „Wenn man nicht intelligent war, nicht funktioniert hat, dann traf er einen.“ Maria Riva selbst hat ihn oft zu spüren bekommen, den strafenden Blick dieser „unglaublichen Preußin“.

Man muss seine Kinder nicht nur lieben, sondern sich auch um sie sorgen, das habe sie ihren vier Kindern immer wieder gesagt, erzählt Maria Riva. Jemand lieben, das ist einfach, sagt sie und beleuchtet damit ihr schwieriges Verhältnis zu ihrer berühmten Mutter. „Sie war keine Mutter, sie war doch eine Königin. Aber Königinnen sind nicht für andere da. Ich war für sie da.“ An der Leistung von Marlene Dietrich aber lässt die 77-Jährige keinen Zweifel. Sie hat Berlin 1993 den Nachlass der Diva geschenkt. Vieles findet sich wieder in der Ausstellung des Filmmuseums zum 100. Geburtstag der Schauspielerin, die das Goethe-Institut jetzt nach Los Angeles gebracht hat. „Was für ein Aufwand für eine Schauspielerin aus Hollywood – was denken die sich“, so hätte ihre Mutter gespottet, wenn sie vom Ehrenbürger-Porträt erfahren hätte. „Sie hätte sich totgelacht. Aber stolz wäre sie doch gewesen.“

Lange hat es gedauert, bis das Bild fertig wurde. Marlene Dietrich ist die einzige Ehrenbürgerin der Stadt, die nach ihrem Tod geehrt wurde. Ehrenbürger dürfen sich selbst aussuchen, wer sie porträtiert. Deshalb entschied sich die Familie für den Urenkel. Matthew Riva hat drei Monate an dem Bild gearbeitet. Sonst bevorzugt er abstrakte Motive, aber das Bild habe ihn herausgefordert. Im Frühjahr wird er nach Berlin kommen, um sich das Bild im Abgeordnetenhaus anzusehen. Und ihn wieder spüren, den Blick.

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