Marode Berliner Straßen : Versicherung stopft Schlaglöcher in Mitte

Ein Modell wie in den USA: Der Bezirk Mitte lässt sich Straßenreparaturen jetzt von einer Versicherung zahlen, denn öffentliche Gelder reichen kaum für die nötigen Sanierungen aus. Doch nicht alle sind von diesem Projekt begeistert.

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Konsequent geht es in den USA zu: Zahlt ein Sponsor, kommt sein Logo drauf.
Konsequent geht es in den USA zu: Zahlt ein Sponsor, kommt sein Logo drauf.Foto: dpa

Der Bezirk Mitte lässt die Reparatur seiner Schlaglöcher jetzt von einer Autoversicherung bezahlen. Baustadtrat Carsten Spallek (CDU) stellte das Projekt am Donnerstag an der Ecke Kloster- und Grunerstraße vor, untermalt vom Dröhnen der Asphaltfräse. „Alleine in Mitte haben die Straßen einen Sanierungsbedarf von 50 Millionen Euro“, sagte Spallek. „Vorgesehen hat das Land aber nur ein Sonderprogramm mit 25 Millionen für alle Bezirke zusammen.“ Wenn es gut laufe, bekomme Mitte rund fünf Millionen Euro davon ab. Deshalb habe der Bezirk das Angebot der Versicherung angenommen. Sie übernimmt die Reparatur von 80 Schlaglöchern für jeweils gut 100 Euro. Repariert wird mit Guss- statt Kaltasphalt, das hält länger. Eine solche Zusammenarbeit habe es bisher nicht gegeben, sagt Spallek. Der Bezirk selbst hat seit Jahresbeginn schon 155 000 Euro für Straßenreparaturen ausgegeben und rechnet mindestens mit weiteren 170 000 Euro.

Ist das nun ein neuer Trend? Andere Bezirke wollen sich jedenfalls nicht anschließen, etwa Charlottenburg-Wilmersdorf. „Das Sonderprogramm ist ja jetzt bewilligt, daraus bezahlen wir unsere Straßenreparaturen“, heißt es aus dem Bezirksamt. Etwa 2,5 Millionen bekomme der Bezirk.

Auch die AG City, die erst kürzlich mit freiwilligen Zahlungen für bessere Straßenreinigung in der City West in Erscheinung trat, kann sich eine private Initiative für einen glatteren Straßenbelag nicht vorstellen. „Der Straßenbau ist eine Aufgabe, die der Staat sowieso erledigen muss“, sagte AG-City-Vorstandsmitglied Gottfried Kupsch.

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Anstrengend, diese Senserei! Da braucht man mal eine Pause ... Brigitte Siegfried begegnete diesem Stillleben an der Jafféstraße in Westend.Weitere Bilder anzeigen
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25.07.2017 12:14Anstrengend, diese Senserei! Da braucht man mal eine Pause ... Brigitte Siegfried begegnete diesem Stillleben an der Jafféstraße...

In Lichtenberg hält man die Aktion in Mitte für einen Werbegag. „80 Schlaglöcher bieten Arbeit für einen halben Tag“, sagt Baustadtrat Wilfried Nünthel (CDU). „Wir halten es da eher mit der klassischen Methode: Loch wird gemeldet, Firma wird beauftragt, Loch wird geschlossen.“ Der Bezirk habe eine Rahmenvereinbarung, in der festgelegt sei, dass die beauftragte Firma ein gemeldetes Schlagloch binnen sechs Stunden schließen muss. Allerdings mit Kaltasphalt, was schnell geht, aber oft nicht lange hält. Dafür kostet es pro Loch auch nur etwa fünf bis sechs Euro. Das Problem namens Flickwerk haben alle Bezirke. Die schnelle Flickerei sei „reine Gefahrenabwehr“, sagt Nünthel. Wünschenswert sei eine richtige Straßensanierung, danach sei dann auch mindestens zehn Jahre Ruhe. Auch Stadtrat Carsten Röding aus Spandau (CDU) sieht das so. „Die Straßen sind so geschädigt, dass sie eine Grundsanierung brauchen.“ Die Aktion aus Mitte sehe er eher als werbeträchtigen Hilferuf.

Wie man seine Schlaglöcher mit privatem Geld repariert und dabei noch berühmt wird, hat das thüringische Dorf Niederzimmern vorgemacht. Die 1000- Einwohner-Gemeinde, gelegen zwischen Erfurt und Weimar, verkaufte im April 2010 ihre Schlaglöcher zum Stückpreis von 50 Euro. Dafür bekam der Käufer nicht nur die Reparatur des Straßenbelags, sondern konnte auch eine Plakette gestalten. „Teer muss her!“ hieß die Aktion, über die weltweit berichtet wurde. Sogar die Deutschland-Redaktion einer japanischen Zeitung kaufte ein Schlagloch und verewigte sich auf der Plakette. Ein Golfer feierte sein erstes Hole in One. Fast 200 Plaketten sind auf einer Granitplatte am Ortseingang angebracht, zu sehen auch auf der Gemeindewebsite.

Wesentlich greller als im Bezirk Mitte, wo die zahlende Autoversicherung nicht groß in Erscheinung tritt, hat in den USA eine Fast-Food-Kette ihre Spende kenntlich gemacht. Sie hat auf jedem gefüllten Schlagloch gut sichtbar ihr Firmenlogo angebracht.

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