Marode Schulen in Berlin : Gute Bildung darf nicht an Bürokratie scheitern

Berlin braucht 75.000 neue Schulplätze und muss die vorhandenen Gebäude dringend sanieren. Der rot-rot-grüne Senat sollte nun schnell handeln. Ein Kommentar.

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Viele Schulen Berlins sind in einem maroden Zustand.
Viele Schulen Berlins sind in einem maroden Zustand.Foto: picture alliance / dpa

Eine Schule ist kein Flughafen. Nicht so komplex, überschaubar und kein Hightech-Projekt. Doch in Berlin sind selbst funktionierende Schulbauten eine Herausforderung. Zumal es nicht reicht, die buchstäblich zum Himmel stinkenden Zustände in vielen Schulen zu beseitigen und den Sanierungsstau von mehr als vier Milliarden Euro endlich abzubauen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Standorte erweitert oder neue Schulen gebaut werden müssen. Bis 2025 wird die Schülerzahl in der wachsenden Stadt um ein Viertel zunehmen – dann sind 75.000 zusätzliche Plätze nötig. Das ist die Dimension, um die es geht. Angesichts der Berliner Verwaltungseffizienz kann einem das Angst machen.

Kinder brauchen Schulen, die den Herausforderungen der wissensbasierten Gesellschaft in einem der reichsten Länder der Welt gerecht werden, Schulen, in denen Lehrer und Schüler sich auf das Lernen konzentrieren können. Die Realität ist eine andere. Sind Lehrer gedanklich mit undichten Dächern beschäftigt, leidet darunter auch ein spannender und auf die Schülerbedürfnisse orientierter Unterricht. Und Kindern wird die Lernfreude ausgetrieben, wenn sie sich vor unzumutbaren Toiletten ekeln.

Die von der Bildungsverwaltung vorgelegte Bilanz, in welchen Bezirken es die dringendsten Baustellen für eine Sanierung gibt, ist deswegen auch ein Dokument der Versäumnisse und falschen Einschätzungen der Vergangenheit. Man kann diskutieren, ob die über Jahre vom Senat praktizierte harte Sparpolitik wegen des Haushaltsnotstands in Berlin alternativlos war. Im Ergebnis aber hat der Senat die Schulen verkommen lassen, und die größte Zukunftsressource, die Schulkinder, muss dafür büßen, dass in den 90er Jahren eine unfähige Politik Berlin in die Schuldenfalle manövriert hat.

Jedes Bauvorhaben wird auf Schneckentempo abgebremst

Nach welchen Kriterien die einzelnen Schulen in Dringlichkeitskategorien eingeteilt werden, wird viele Eltern und Lehrer nicht überzeugen. Mancher wird seine Schule zu Unrecht weit hinten eingereiht finden. Auch die Liste der neu zu bauenden oder zu erweiternden Schulen wirft viele Fragen auf – etliche Standorte sind überhaupt nicht verfügbar.

Berlin mit seiner wachsenden Bevölkerung, prosperierenden Wirtschaft und den steigenden Steuereinnahmen hat zwar endlich die Finanzmittel, um wieder genügend in die Schulen zu investieren. Die entscheidende Herausforderung aber wird sein, Sanierungen und Neubauten tatsächlich zügig zu realisieren.

Die Planung und der Bau einer neuen Schule dauern in Berlin durchschnittlich neun Jahre. Jedes Bauvorhaben wird durch die zweistufige Verwaltungsstruktur von Bezirksämtern und den Hauptverwaltungen auf Landesebene durch einen aufwendigen Abstimmungsbedarf – verschärft noch durch den Personalmangel in den bezirklichen Bauämtern – auf Schneckentempo abgebremst. Daran werden zusätzliche Stellen wenig ändern. Selbst wenn man mit einer Task Force, wie zuweilen Politiker vorschlagen, alle Beteiligten an einen Tisch bringt, um Planung und Bauphase zu beschleunigen, steht eine Schule bestenfalls in vier Jahren.

Welchen Sanierungsbedarf hat die Schule in Ihrem Kiez? Verschaffen Sie sich mit unserer interaktiven Karte einen Überblick:

Hamburg, das jetzt in Berlin vielen als Vorbild gilt, ist einen anderen Weg gegangen. Ein Landesbetrieb Schulbau plant und managt dort die schulische Infrastruktur vom Neubau bis zur Instandhaltung, ungebremst von behäbigen städtischen Bürokratien. Berlins rot-rot-grüne Koalition spricht sich für einen solchen Landesbetrieb aus.

Wunder darf trotzdem niemand erwarten. Sollte die Gesellschaft auch noch dieses Jahr gegründet werden, der Landesbetrieb ist erst 2018 richtig handlungsfähig. Bis zu diesem Zeitpunkt – zu dem der Flughafen BER nicht einmal eröffnet sein wird – benötigt Berlin aber schon rund 22.000 zusätzliche Schulplätze. Da wird sich der Senat schwertun, den ungeduldigen Eltern zu erklären, dass es noch etwas dauern könnte, bis auch ihre Schule saniert ist. Der Unterschied zum Problem-BER ist nämlich: Auf den Start des Flughafens kann Berlin notfalls noch länger warten – funktionsfähige und moderne Schulen aber brauchen die Kinder jetzt.

Eine ausführliche Dokumentation des Tagesspiegels zu den Problemen an den Berliner Schulen finden Sie hier.

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