Martenstein : Verbote kann man nicht essen

Heizpilze, Böller und noch viel mehr: Tagesspiegel-Kolumnist Harald Martenstein über den Reiz des Verbotes.

Harald Martenstein
Harald Martenstein.
Harald Martenstein.Foto: dpa

Fast jeder von uns ist, im Grundsatz, für Flugsicherheit, oder? Nur sehr wenige Menschen finden es geil, in die Luft gesprengt zu werden. Trotzdem möchte man sich am Flughafen nicht von einem Gerät durchleuchten lassen, dass einen nackt zeigt. Wer regelmäßig ins Fitness-Studio geht, viel Obst isst und viel läuft, hat eigentlich nichts zu verbergen. Nein, nein, trotzdem, es geht zu weit.

Es ist eben alles eine Frage der Dosis. Man muss immer abwägen. Das ist doch eigentlich klar, oder?

Der grüne Berliner Abgeordnete Benedikt Lux will das Silvesterknallen verbieten lassen. Die Berliner Feuerwehr steht schon mal auf seiner Seite. Auch die Umweltsenatorin Katrin Lompscher von der Linkspartei lässt Sympathien für das Verbotsprojekt erkennen. Das Böllerverbot wird wahrscheinlich nicht wirklich kommen, noch nicht, trotzdem bekomme ich allmählich Angst. Ich stelle mir eine Diktatur vor, die – natürlich mit leiser Stimme, ganz sanft – alles Unvernünftige und potenziell Schädliche verbietet. Das Rauchen, die Heizpilze, das Trinken auf öffentlichen Plätzen, die Böller, die Plastiktüten …

Dabei kommen mir die meisten Verbote, für sich betrachtet, ganz in Ordnung vor. Jedes einzelne Verbot hat seinen Grund. Wenn man aber alles zusammen betrachtet, die Gesamttendenz, the big picture, dann entsteht das Bild eines Staates, der seinen Bürgern eine bestimmte Weltsicht und Lebensweise aufzwingen möchte. Das ist gefährlich, weil es den Staat zu mächtig und allgegenwärtig werden lässt.

Heizpilze sind Energieverschwendung? Mein Gott, man kann auch die eigene Bude den ganzen Winter hindurch auf 25 Grad heizen und dazu die Fenster öffnen, soll das auch verboten werden? Das eigentliche Problem, das wir wirklich lösen müssen, ist unsere künftige Energieversorgung. Böllern ist Geldverschwendung und kann gefährlich sein, wenn man nicht aufpasst? Verbietet den Luxus! Verbietet Brioni! Verbietet das Autofahren! Verbietet Bungee-Springen, verbietet Süßigkeiten! Verbietet alles, schafft eine ideale Welt mit niedrigem Energieverbrauch und gesunder Lebensweise, vor allem mit viel Kontrolle, auf allen Plätzen und Straßen.

Gesundheit und niedriger Energieverbrauch nehmen heute in der Gesellschaft den Platz ein, den früher Begriffe wie „Sitte und Anstand“ oder „Ruhe und Ordnung“ innehatten. Am Alexanderplatz habe ich übrigens vor ein paar Tagen einen alten Indianerhäuptling getroffen, einen Sioux. Er zog an seiner Pfeife und trank ein letztes Glas Feuerwasser. Dann sagte er: „Eines Tages, wenn erst der letzte Böller verknallt ist, die letzte Zigarette geraucht, das letzte Eisbein gegessen und der letzte Heizpilz gelöscht, wird der weiße Mann merken, dass man Verbote nicht essen kann.“

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