Martin Kippenberger : Der Künstler ließ malen

Martin Kippenbergers „Paris Bar“ wurde für zwei Millionen Pfund versteigert. Doch das Gemälde stammt vom Berliner Plakatmaler Götz Valien.

Annabelle Seubert
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Zaungast. Martin Kippenbergers „Paris Bar“ von 1991 vor der Versteigerung am 16. Oktober 2009 bei Christie’s in London. Foto: dpaEPA

Das Gemälde ist groß, es ist schön, es ist ein Monument einer Berliner Kunstepoche. Der Ausnahmekünstler Martin Kippenberger hatte das Bild seinem Stammlokal, der „Paris Bar“ in der Kantstraße, und dessen Besitzer Martin Würthle 1991 geschenkt, im Tausch gegen Freigetränke und kostenloses Essen. „Paris Bar“, die zwei mal 3,8 Meter große Innenansicht des Berliner Szenelokals, hing über zehn Jahre an der Stirnseite der Bar. Jetzt wurde sie bei Christie’s in London für zwei Millionen Pfund versteigert, den Zuschlag erhielt ein amerikanischer Sammler. Was das Auktionshaus dabei nicht eigens erwähnte: Das Gemälde stammt nicht von Kippenberger.

Gemalt hat das Bild nämlich der heute 49-jährige Götz Valien, ein unbekannter Kinoplakatmaler aus Berlin. Er hat das großformatige Bild nach Fotovorlagen angefertigt. Kein Einzelfall: Es war zeitweilig Kippenbergers künstlerische Strategie: die Bilder nicht selbst zu malen, sondern malen zu lassen, von Auftragsmalern. „Lieber Maler, male mir“, eine Serie von 1981, hat genau das zum Thema gemacht. Darin hatte Kippenberger Fotos von fremden Künstlern abmalen lassen. Der Frankfurter Schirn war die Serie vor Jahren eine ganze Ausstellung wert: mit lauter Bildern, bei denen Urheber und pinselführender Ausführer nicht identisch waren.

Kippenbergers Nachlassverwalterin Gisela Capitain wertet das als „künstlerisches Statement“. Die Kölner Galeristin findet, der Künstler habe dadurch eine wichtige Debatte über den Wert eines Bildes ausgelöst und darüber, was den wahren Künstler ausmache: „Kippenberger ist der Künstler, Valien der Handwerker.“ Der Plakatmaler, der für seine Arbeit damals 1000 Mark bekam, sieht das ähnlich. Dem „Spiegel“ verriet er, dass es ihn nicht störe, ein millionenschweres Gemälde gehörig unter Wert erstellt zu haben. „Ich kann sagen, ich habe einen der teuersten Kippenberger gemalt.“ „Paris Bar“-Wirt Martin Würthle bezeichnet die Tatsache, dass Kippenberger das Bild nicht selbst malte, als „offenes Geheimnis“. Und auch der Kunstsammler aus den USA habe wohl gewusst, dass sein neuer Kunstbesitz handwerklich von einem anderen stammt. „Es gibt nur einen Fehler bei der Sache“, so die Nachlassverwalterin Gisela Capitain. „,Paris Bar’ ist kein Ölgemälde. Im Katalog müsste stehen: ,Acryl auf Leinwand‘.“

Vielleicht ist das Problem auch eher, dass das Auktionshaus Christie’s bei der Versteigerung nicht ausdrücklich auf die Differenz zwischen Urheberschaft und Ausführung hingewiesen hat. Im Katalog hatte es schlicht geheißen: „Öl auf Leinwand, 1991, Martin Kippenberger.“ Dabei habe das Auktionshaus von Valien gewusst. Und doch haben Mitarbeiter angegeben, man habe „nicht herausfinden können, ob das Bild von Kippenberger gemalt sei.“ Alexandra Kindermann, Sprecherin von Christie’s, nimmt es gelassen. Es sei „kein Staatsgeheimnis“, dass Kippenberger seine Konzepte von anderen ausführen ließ. „Außerdem machen das Jeff Koons und Damien Hirst genauso.“

Der Kunstmarkt ist also mal wieder in Verruf geraten. Alle anderen Beteiligten sind glücklich über das Geschäft. Und Martin Kippenberger hätte sich über die Debatte bestimmt diebisch gefreut. Annabelle Seubert

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