Berlin : Martin Schneeweiß (Geb. 1954)

Er war Mathematiker. Da spült man sich nicht einfach weg.

Kerstin Decker

Was willst Du werden, fragte die Mutter. Maler, antwortete der Sohn. Die Mutter wiegte zweifelnd den Kopf und formulierte den größten Einwand gegen alle Kunst auf Erden: Von der Kunst kann man nicht leben! Der Sohn sah das ein. Als Martin Schneeweiß sein Mathematikdiplom bestand, fühlte seine Mutter, dass sie sich keine Sorgen mehr zu machen brauchte. Und als ihr Sohn Doktor der theoretischen Physik wurde, wusste sie es. Martin Schneeweiß hatte an der Technischen Universität studiert und promoviert, das war nicht so weit weg von Spandau.

„Eine Verallgemeinerung des Minkowski-Modells für die spezielle Relativitätstheorie“ hieß die Promotion. Kein Spandauer wusste so viel darüber wie Martin Schneeweiß. Wahrscheinlich kein zweiter Berliner. Er wurde technischer Assistent an der TU. Es ist schon sicherer, die Welt zu berechnen, statt sie bloß zu malen.

Sollte er Professor werden? Martin Schneeweiß kannte schon bald zu viele Professoren, um das wirklich zu wünschen. Ein Hauch von ’68 hatte ihn noch gestreift: Wichtiger als Professor zu werden, war, ein ganzer Mensch zu werden.

Er hatte eine Frau, einen kleinen Sohn, er assistierte der Physik auf höchstem Niveau. Auf die Gravitationskräfte seines Lebens war Verlass.

Bis zu dem Tag Ende der Achtziger, als sie seine Welt einfach aus ihrer Mitte schleuderten, ohne Vorwarnung. Als seine Frau ihm sagte: Ich habe Krebs. Als er zu seiner Frau sagte: Ich verliere meine Stelle. Gestrichen.

Was war das? Eine höhere Mathematik, die er noch nicht kannte?

Nichts hat die Naturwissenschaftler einst so überzeugt wie die Auskunft eines großen Philosophen: Gott würfelt nicht, Gott rechnet. Das Buch der Natur ist in Zahlen geschrieben. Und in welchen Zahlen ist das Buch der menschlichen Dinge geschrieben?

Mit mir nicht!, beschloss Martin Schneeweiß, diese Gleichung soll nicht aufgehen. Und er bewarb sich ein ums andere mal. Auch seine Frau beschloss: Nicht mit mir! Ihr Sohn David war noch keine zehn Jahre alt.

Martin Schneeweiß bekam nun viele freundliche Briefe, deren Absender bedauerten, dass der Verallgemeinerer des Minkowski-Modells für die spezielle Relativitätstheorie für ihren bescheidenen Tätigkeitskreis überqualifiziert sei. Alle reden über die Katastrophe der Unterqualifizierung. Wer spricht über die Katastrophe der Überqualifizierung?

David sollte eine fast normale Kindheit haben. Sich nichts anmerken lassen, ist eine traurige Übung für Eltern. Irgendwann rechnete Davids Mutter nicht mehr, um zu gewinnen. Sie rechnete nur noch um eine Frist. Noch einmal nach Österreich fahren, in das Land ihrer Kindheit. Und dann würde sie an ihrem Geburtstag ein letztes großes Fest feiern, mit allen Freunden. Das war die Gegenrechnung. Aber schon am Ende der Reise lag sie in einem österreichischen Krankenhaus. Die Namen auf der Geburtstagsgäste-Liste wurden weniger. Für ein großes Fest war sie zu schwach, also ein kleines, ein noch kleineres. Am frühen Morgen ihres Geburtstags ist David Schneeweiß’ Mutter gestorben. Das war 1994. Martin Schneeweiß war vierzig Jahre alt.

Wer hatte das zu verantworten? Höhere Ordnungen gibt es in der Mathematik, an die hat Martin Schneeweiß geglaubt. An andere, mathematikfernere nie. Dabei gibt es einen ganzen religiösen Familienzweig Schneeweiß, und Martin hatte sich früh von ihm abgewandt, weil doch alles seine Grenzen hat, auch und gerade der Glaube, vor allem für einen Experten der Relativitätstheorie. Beim Begräbnis der Mutter traf sich die Familie wieder. Ein Sohn des anderen Schneeweiß-Zweigs studierte an der Universität der Künste. Er wollte Maler werden wie einst er selbst. Maler werden nicht entlassen, das hatte Martin Schneeweiß’ Mutter wohl übersehen.

Jeden Donnerstag besuchte er nun den Jungmaler und Vater eines autistischen Kindes. Schneeweiß half bei der ersten Hausarbeit über den Surrealismus. Und er half dem Jüngeren, mit seinem autistischen Sohn umzugehen. Jeder ist am Ende der Gefangene seiner eigenen Welt, wusste Martin Schneeweiß. Bei den Autisten wird diese Grundtatsache unserer Exsistenz nur für alle sichtbar.

Nach den Atelier-Stunden gingen beide ins Café Hardenberg, jeden Donnerstag. Schräg gegenüber stand wie immer still und ohne Schuldbewusstsein die Technische Universität. Eines Tages drehten sich im Café ein paar Männer nach Martin Schneeweiß um. Er wollte wegsehen, aber es war zu spät. TU-Professoren und Kollegen von früher!

Sie erkannten ihn, holten ihn an ihren Tisch. Sie erklärten, dass seine Lehrmittel von damals noch heute unersetzlich seien – wie er selbst im Grunde auch. Ein Professor wollte gerade ein neues Projekt beginnen, und sagte, es gäbe eigentlich nur einen, mit dem er das wagen würde: Martin Schneeweiß. Herzlicher Abschied. Und er müsse sich melden, unbedingt. Mal sehen, was man tun könne.

Martin Schneeweiß hatte Angst. Er war kein Lebensbürger mehr wie die anderen. Er konnte deren Platitüden nicht mitsprechen, „Das Leben muss weitergehen.“ Musste es das? Nach dem Tod seiner Frau hatte er erwogen, sich zu Tode zu trinken. Er fand dieses Vorhaben taktvoll und angemessen. Das-Leben-geht- weiter dagegen ist eine Taktlosigkeit.

Andererseits war er Mathematiker, da spült man sich nicht einfach weg. Da hat man Disziplin. Ganz allmählich hatte er das disziplinierte Trinken begonnen. Das genau berechnete Trinken. Immer nur so viel, dass er vollständig kontrolliert wirkte. So wie an jenem Nachmittag im Hardenberg-Café.

Die wollten ihn also zurück? Ob sie gemerkt hatten, dass ein Alkoholiker vor ihnen stand? Und was hatte er denn geforscht in den vielen Jahren seither? „Die Migration von Menschen auf Gehwegen“, ABM-Maßnahme. Auch arbeitete er an einer „mathematischen Begründung des Glaubens“, genauer war es eine Übersetzung aus dem proximal-orientalischen Medial-Altu-Anglianisch. Ja, Martin Schneeweiß war ein humorvoller Mann. Schon weil der Humor das letzte Mittel gegen die Verzweiflung ist. Nein, es war zu spät, definitiv zu spät für die Universität.

Immerhin, über seine langen Haare hatten die Professoren nichts gesagt. Als David eines Tages erklärt hatte „Ich lasse mir die Haare wachsen!“, hatte der Vater nicht wie ein gewöhnlicher Vater reagiert. Er hatte gesagt: „Ich auch!“ Lange Haare, das war eine dezente, also geschmackvolle Nichteinverständniserklärung mit der Welt. Martin Schneeweiß hat sich nicht wieder gemeldet bei seinen TU-Kollegen. Sie haben nicht wieder nach ihm gefragt.

Die Kleinbürger des Lebens sagen, es gibt die Schwachen und die Starken. Das ist der naive Blick aufs Leben. Es gibt vielmehr die Leicht-Lebigen, die mit den unbeschwerten Rücken, und die anderen, die Lastträger des Lebens.

Es gibt von Martin Schneeweiß eine Weihnachtsgeschichte, in der drei Personen auftreten. Der Geist eines Mannes, der Körper eines Mannes und dessen bürgerlicher Name, gewissermaßen die Identität der beiden ersten vor der Welt. Drei sehr verschiedene Leute, die es kaum schaffen, ohne Streit einen Weihnachtsbaum zu schmücken. Und da man eben nie allein eine Entscheidung trifft, sondern mindestens zu dritt, folgte Martin Schneeweiß auch nie dem Rat seines Sohnes, eine Entziehungskur zu machen.

Sein bürgerlicher Name hätte vielleicht gewollt, aber was wusste der vom Schmerz? Der Körper hätte mitmachen müssen, denn er war hier nur der Körper. Aber der Geist, dieser hochmütige Martin-Schneeweiß-Geist, der Angst hatte vor dem psychologisierenden Slang der Therapeuten, vor dem abstrakten Kauderwelsch der Leidlosen, dieser Geist sagte: „Nein!“ Er reduzierte trotzdem den Alkohol und überhörte die Klagen des Körpers. Nicht aus Selbsterhaltungstrieb, aber die Lebensversicherung musste gezahlt werden, und zwar regelmäßig und in voller Höhe. Dies hier war der Haushalt eines Mathematikers. Und sein Leben sollte doch ein Ergebnis haben. Eines, mit dem sich ein Mathematiker sehen lassen konnte, also ein zählbares.

In den ersten Neujahrstagen 2007 schrieb Martin Schneeweiß ein paar Gedichte, lustige Gedichte, schon wegen des Schmerzes. Auch über das völlig unmögliche Paar Körper und Geist. Er begann, ein Zimmer besonders aufzuräumen – für seinen Enkel. Der würde ihn bald öfter besuchen.

Eines Abends fand David Schneeweiß seinen Vater wachsbleich und wusste, dass er Hilfe holen musste, sofort. Nein!, entschied der Souverän, der Geist des Vaters, ein letztes Mal. Kerstin Decker

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