Berlin : Martin Steinmüller (Geb. 1929)

Man bot ihm eine moderne Wohnung an der Stalinallee an

Candida Splett

Es war Tradition im Hause Steinmüller, dass sich die Familie am Morgen des Heiligen Abends erkundigte, wie viele Fragen des Tagesspiegel-Weihnachtsrätsels Martin auf Anhieb beantworten konnte. Einige waren es meist, denn er wusste viel. In den folgenden Tagen widmete er sich der Recherche. Er wälzte Nachschlagewerke, und wenn er mit dem heimischen Bestand nicht weiterkam, fuhr er in die Amerika-Gedenkbibliothek. Keine Frage blieb ungelöst, nicht zu Weihnachten und nicht zu Ostern, denn auch das Osterrätsel war Teil seines Jahresprogramms.

Er war als Sohn eines Gynäkologen und einer Unternehmerstochter im Thüringischen Nordhausen aufgewachsen. Für die Eltern stand von Anfang an fest, dass er später die Klinik des Vaters übernehmen würde. Das konnte auch er sich gut vorstellen, und so entschied er sich schon früh, auch Gynäkologe zu werden.

Als Nordhausen in den letzten Kriegswochen fast vollständig zerstört wurde, herrschte Notstand in der Klinik des Vaters. Selbst ungelernte Helfer waren willkommen. So machte Martin schon als Sechzehnjähriger seine ersten Klinikerfahrungen.

Eine Selbstverständlichkeit, dass er nach dem Abitur Medizin studieren wollte. Doch die Herrschenden in der DDR fanden es nicht angebracht, den Sohn eines Arztes Arzt werden zu lassen und verweigerten ihm den Studienplatz. Er harrte aus, arbeitete als ungelernter Pfleger in der Klinik seines Vaters und züchtete Versuchsmäuse an der Universität in Halle. Schließlich setzte ein Schweizer Professor mit Lehrstuhl in Greifswald die Staatsmacht unter Druck: Er drohte, die Uni zu verlassen, wenn zehn vom Studium ferngehaltenen Arztkinder, darunter Martin, nicht unverzüglich dort studieren durften. Das wirkte.

Während seiner Facharztausbildung an der Berliner Charité lernte Martin seine künftige Frau Ute-Maria kennen, eine West-Berlinerin. Regelmäßig tauschte er nun seine Ost- in Westmark um, damit er sie ausführen konnte. Für DDR-Verhältnisse verdiente er nicht schlecht, aber in West-Mark umgetauscht, blieb nicht viel.

Die Heirat 1960 eröffnete ihm den Weg in den Westen. Die DDR versuchte ihn zu halten, man bot ihm eine moderne Wohnung in der Stalinallee an. Er aber wollte gehen und entschied sich damit letztlich auch gegen die Klinik seines Vaters. Im Westen eröffnete er eine eigene Praxis, die er zeitweise mit Unterstützung seiner Schwiegermutter, später gemeinsam mit seiner Frau führte.

Mitsamt der Mutter, der Schwester und der Großtante seiner Frau wohnten sie in deren Elternhaus in Lichtenrade. Auch nach der Geburt der drei Kinder blieben sie dort, in der Gemeinschaft der Großfamilie, deren Leben, ganz nach Martins Geschmack, in geregelten Bahnen verlief.

Unverrückbare Pfeiler seines Lebens waren die gemeinsamen Mahlzeiten ebenso wie der ARD-Presseclub, den er an jedem Sonntagmorgen schaute, die häufigenTheaterbesuche und die Treffen mit seinen Schulfreunden. Im Sommer fuhr die Familie für vier Wochen in den Urlaub, viele Jahre lang nach Dänemark an den immer gleichen Ort und als die Kinder größer waren, ins südfranzösische Le Lavandou.

Immer wieder gab es Themen, die ihn so fesselten, dass er sie bis in den letzten Winkel zu ergründen suchte, den Widerstand gegen Hitler etwa oder das Werk Thomas Manns. Nur als er am Krebs erkrankte, wurde ihm sein Eifer zum Feind. Denn nun recherchierte er mit ebensolcher Akribie sämtliche denkbaren Szenarien seines Krankheitsverlaufes.

Zur Goldenen Hochzeit schenkten ihm seine Kinder ein Gemälde von der Bucht von Le Lavandou, auf das er von seinem Hospizbett aus nun täglich blickte. Candida Splett

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