Marzahn-Hellersdorf : Gute Aussichten am Stadtrand

Marzahn-Hellersdorfs Bürgermeisterin versuchte sich als Stadtführerin und lud zur Tour durch den Bezirk. Dieser kommt zwar langsam in die Jahre, wird aber für seine Bewohner immer attraktiver.

Stefanie Richter

Rot, grün und niedriger als gedacht. So sieht Marzahn-Hellersdorf heute vor allem aus – zumindest aus dem Busfenster. Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke) hat zum Bus-Sightseeing in ihren „Metropolenraum“ am Rande der Stadt geladen: Einsteigen, Zurücklehnen – und eines Besseren belehren lassen, denn Spöttern ist der Bezirk am Rande der Stadt immer noch Synonym für eine unwirtliche Plattenbau-Großsiedlung.

Die Werbetour, bislang einmalig veranstaltet für Presseleute, wartet mit allem auf, was Marzahn und Hellersdorf zu bieten haben: bunte Häuser und viel Grün, zufriedene Menschen und tolle Aussichten über Berlin und hinein ins Brandenburgische. Reiseleiterin Pohle und das Bezirksamtskollegium geben von Anfang an alles. Eine mit allerlei Wissenswertem prall gefüllte und eigens entwickelte Marzahner „Berlin Tüte“ findet reißenden Absatz im beinahe voll besetzten Reisebus. Das Interesse am Bezirk, der dieses Jahr 30. Geburtstag feiert, ist groß.

Mit 30, 40 km/h geht es aus der „Hellen Mitte“ Hellersdorfs hinein ins Bezirksleben. Noch zweimal wird die Tour hier Station machen: Zum Ende klar, aber bereits nach gut 40 Minuten? Entsetzen. Alles schon vorbei? Führt die mit drei Stunden angekündigte Tour zur Eindringlichkeit des Schönen im Kreis? Der Reiseplan verspricht viel mehr – und hält es auch. Insgesamt zehn Glanzlichter, die das Leben in Marzahn-Hellersdorf beschreiben, hat sich das Reiseteam ausgesucht: Das neue Stadtteilzentrum „Kompass“ gehört genauso dazu wie ein buntes Nachbarschaftshaus, das Architekturschmuckstück „Sartre-Gymnasium“ und natürlich Vorzeige-Plattenbausiedlungen wie die Ahrensfelder Terrassen.

Gut 240 000 Einwohner hat der Bezirk und zumindest in den Siedlungsgebieten jenseits der Platte werden es sogar ein wenig mehr. Gleichwohl, bis 2030 wird der Anteil der älteren Bevölkerung um fast 200 Prozent steigen, prognostiziert das Bezirksamt. Kein anderer Stadtteil altert ähnlich schnell. Seit Jahren baut der Bezirk in der Platte an der Altersstruktur von morgen: Abriss, Rückbau auf Vier- bis Sechsgeschosser, Balkone außen, Aufzüge innen. Bürgermeisterin Pohle berichtet von ihrer Hongkong- Reise: 40-stöckigen Wohnhäusern, Wäsche vor dem Fenster und Lüftungsanlagen außen, „da soll mir noch mal einer was von Platte bei uns erzählen“.

Auf den frei gewordenen Flächen im Marzahner Schorfheideviertel entstünden in den nächsten Monaten sogenannte „Mufus“, multifunktional nutzbare Boxen, die den Eindruck einer Schafherde vermitteln sollen, sagt Bezirksstadtrat Norbert Lüdtke (Linke). Er steigt wenig später aus, muss noch nach Potsdam, selbstverständlich mit dem gut ausgebauten ÖPNV. Für alle anderen geht die Reise weiter. „Sind alle da?“, ruft Reiseleiterin Pohle immer wieder in den Bus. Die Zeit drängt zur Eile. Noch längst sind nicht alle Ziele geschafft. Marzahn-Hellersdorf hat viel zu bieten.

Die große Handelskette mit den vier gelben Buchstaben ist kein offizieller Programmteil. Zu sehen sind die Discounter dennoch an beinahe jeder Straßenecke. Nicht immer käme man mit nachnutzenden Investoren privat verkaufter Flächen angemessen ins Gespräch, sagt Dagmar Pohle. Das trifft auch auf das legendäre „Sojus-Kino“ am Helene-Weigel-Platz zu, dessen Zukunft nach der Schließung 2007 noch immer ungewiss ist.

Typisch untypisch für Marzahn-Hellersdorf klingt die Imagetour in den Gärten der Welt aus, bei Jasmin- und Chrysanthementee. Natürlich nicht, ohne vorher an dem vielleicht schönsten Ort des Bezirks zu stoppen: dem von Plattenbauten gesäumten Dorf Marzahn, 700-jährig und beinahe originalgetreu erhalten. „Anders als erwartet“, verspricht der bezirkseigene Werbeslogan. Es stimmt.

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