Berlin : Marzahn: Tag der Chinesen fast ohne Chinesen

Holger Wild

Vier Elemente sind es, aus denen sich ein chinesischer Garten zusammensetzt: Wasser, Felsen, Pflanzen und Gebäude. Denn er ist ein Abbild der Landschaft, und die ist in China erstens nie unbewohnt, und zweitens kann man aus den Pavillons auf die gestaltete Welt schauen, kontemplieren und ist zugleich vor Regen geschützt. Von Menschenmengen ist in der Tradition allerdings nicht die Rede. Sie sind zum Sich-Ergehen und Sich-Erbauen auch in der Tat nicht unbedingt dienlich - und gehören heute doch dazu, in China wie in Berlin-Marzahn. Meistenteils Touristen, im Fall des Gartens der Vollendung des Mondes in Marzahn eben Touristen aus weit entfernten Stadtteilen.

Zum Thema Newsticker: Aktuelle Meldungen aus Berlin und Brandenburg Nur Chinesen, die sah man kaum dort am gestrigen Sonntag. Dabei sollte dieser Tag an diesem Ort doch ihnen gehören. Das China-Fest hatte geladen, nämlich alle rund 3500 in Berlin lebenden Chinesen, sich zu einem "Heimattag" zu treffen. Nur war offenbar versäumt worden, die Studenten, Wissenschaftler, Laden- und Restaurantbesitzer darüber auch zu unterrichten. "Wir sind hier wegen des Wetters und weil der Garten so schön ist", sagte Ralf Lange-Cheng aus Lichtenberg. "Ein chinesisches Fest? Heute? Nein, das kommt doch noch, das Fest", ergänzte seine Frau Shu-ju. Das Zhong-qiu-jie, das Mittherbstfest, das kommt noch, und das feiern die Chinesen auch in Berlin. Wenngleich dann wohl eher nicht im chinesischen Garten.

So blieben die Deutschen also mehr oder weniger unter sich. Labten sich auf der überfüllten Terrasse über dem See am Grünen Tee. Blickten von der Brücke auf die großen bunten Stoffblüten, die sacht übers Wasser trieben. Ergötzten sich am Wetter und der Harmonie von Wasser, Felsen, Pflanzen und Pavillons; führten auch das eine oder andere sachkundige Gespäch darüber. Über die Harmonie und die Ordnung der Dinge. Sinophile nämlich waren durchaus gekommen, was man auch an dem reizenden Seidenanzug ersehen konnte, den eine Dame spazierenführte.

Rote Regenschirme waren ausgelegt, aber da nicht benötigt, hatte ein schönheitssinniger Mensch sie ausgespannt und immer drei zusammengestellt: So kuppelte es sich aufs Netteste allüberall rot auf dem satten Grün der Rasenflächen. Im Wasser standen still die Fischlein, und von der Bühne her vor dem Eingang zum Garten scholl fernöstlicher Klang. Dort wurde Musik, Tanz, Tai Chi und Theater zur Aufführung gebracht - von chinesischen Chinesen. Und auf langen Bänken saßen die Berliner davor und fühlten sich gut unterhalten. Der "Tag der Berliner Chinesen" - er war auch ohne Berliner Chinesen ein schöner Tag.

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