Marzahn : Von Landwirtschaft zu Plattenbauten

Erst 1975 wurde der Bezirk Marzahn gegründet, zwei Jahre später stand die erste Platte. Doch den Bezirk machen nicht nur seine Hochhäuser aus. Hier werden dörfliche Tradition und Nachbarschaftshilfe gepflegt.

ZEITREISE

Nun ist auch der rote Stern erloschen. Ausgerechnet mit „Prinzessinnenbad“, einem Film voller Zukunftsträume, endete vor kurzem das Programm des seit 1981 bestehenden Kinos „Sojus“ am HeleneWeigel-Platz. Das Haus, ließen die Betreiber wissen, sei verkauft, der neue Besitzer habe andere Pläne. So kann man davon ausgehen, dass bald auch die bronze verspiegelten Scheiben verschwinden, die ein wenig an die Fassade des Palasts der Republik erinnerten. Das nahe alte Rathaus dagegen liegt wie ein Fels im heranbrandenden Zeitenwandel, mit den allgegenwärtigen Firmenlogos als deren Gischt und einem Flachbau samt modernen Türmchen als neuem Nachbarn. Manches andere hat sich verändert: Bäume und Büsche sind gewachsen, die flankierenden Hochhäuser mehr oder weniger saniert. Das zur Linken erhielt einen neuen, in der Farbgebung traditionsbewussten Anstrich, dem rechten wurden soeben die Loggien repariert. Auch die Plattenbauten der Umgebung befinden sich in unterschiedlichen Stadien der Sanierung, die Fassaden sind teils neu angemalt, teils naturbelassen im Stil des real existierenden Sozialismus.

JUNG UND DYNAMISCH

Hier ging alles immer schnell: 1975 erst wurde der Bezirk gegründet, 1977 stand die erste Platte, im Winter zogen schon die ersten Mieter in der Marchwitzastraße ein. In Marzahn waren die Bewohner, so belegt 1991 das erste Einwohnermelderegister für Ost-Berlin, vor allem eines: jung. Fast 32 Prozent waren unter 18 Jahre; die Zahl der über 60-Jährigen lag damals bei 7,6 Prozent. Seither sank die Zahl der Einwohner von 167 000 auf 127 000 (Juni 2007) und die der unter 18-Jährigen auf 13,6 Prozent. Viel Beachtung findet im alten Bezirk das Projekt Rückbau der Platte – aber es dürfte auch Wehmut auslösen: bei denen, die einst mit der Schaufel in der Hand ihre hinterher abgestempelten „Aufbaustunden“ abgeleistet hatten, um so schneller an die ersehnte Neubauwohnung zu kommen.

BAUERN UND BAUTEN

Wichtig war Marzahn für Berlin vor allem wegen seiner Landwirtschaft mit Getreide, Kartoffeln, Tomaten, Gurken. 1953 wurde hier die „Neue Ordnung“ gegründet, die erste Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft Berlins. Die Tierzucht verschwand in den Siebzigern als Erstes. Und auf den Feldern sollten Neubauten entstehen. 1995 wichen die letzten Gewächshäuser der „Agrargenossenschaft Marzahn“, Nachfolgerin der erfolgreichen LPG-Gemüseproduktion „Edwin Hoernle“, den Neubauten am Landsberger Tor. Nach Jahrhunderten der Landwirtschaft hielt die Industrie Einzug. Das ist so geblieben: Wo einst der VEB Elektroprojekt und Anlagenbau produzierte, sitzen noch immer Technikbetriebe.

MÜHLE UND MUSIK

Eigentlich sollte der Erholungspark Marzahn bei der Eröffnung 1987 ein Gegenpart zum Britzer Garten darstellen – heute hat er ihm den Rang abgelaufen. Für viele Millionen Euro wurde das Areal ausgebaut, die „Gärten der Welt“ haben längst einen Ruf über die Stadtgrenzen hinaus. Wahrzeichen des Dorfes Marzahn ist die Bockwindmühle, die 1982 durch den Magistrat geplant und erst 1994 fertiggestellt wurde. Auch Naturliebhaber wissen, dass es in Marzahn mehr gibt als Beton: das Wuhletal etwa oder die Ahrensfelder Berge. Berlins Musikszene trifft sich bevorzugt im Orwo-Haus in der FrankZappa-Straße – dem wohl größten Tonstudio weltweit.

LITERATUR

So also sah das sozialistische Himmelreich aus: ein frisch hochgezogener Plattenbau in Marzahn, oberster Stock, neues Heim für fünf Familien. „Einzug ins Paradies“, der Titel des 1979 im Ost-Berliner Verlag Neues Leben veröffentlichten Romans von Hans Weber ließ sich durchaus ironisch verstehen. Auch die Verfilmung im DDR-Fernsehen 1987 hatte diese Doppelbödigkeit. Das Buch hatte damals Kultstatus, man bekommt es leider nur noch antiquarisch. Szenen von den Dreharbeiten tauchen in dem Fotoband „Berlin-Marzahn“ von Peter Bachstein und Peter Homann auf in der Reihe „Bilder aus der DDR“ des Erfurter Sutton-Verlags – ein Buch, das in Schwarzweiß den sozialistischen Alltag feiert. Ein Jahrzehnt nach der Wende entstanden dagegen die Fotos in „Marzahn“ von Gerrit Engel, das Architekturaufnahmen den Porträts der Bewohner gegenüberstellt (zu beziehen über den Verlag der Buchhandlung Walther König, Telefon 0221 / 20596-53). ac / AG

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