Masernausbruch in Berlin : Besser ohne Baby in die BVG

Die Masern sind in Berlin nicht in den Griff zu kriegen: Schulen schließen, Eltern sind verunsichert, Ärzte versuchen zu beruhigen: Spazieren gehen in Park ist auch mit Säugling weiterhin möglich.

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Ärzte raten dringend zu einer Masernimpfung.
Ärzte raten dringend zu einer Masernimpfung.Foto: dpa

Der Junge hatte einen Ausschlag und die Erzieherinnen handelten schnell. Verdacht auf Masern. Sie ließen das Kind abholen, informierten das Gesundheitsamt, kontaktierten die anderen Eltern. Alle Kinder ohne ausreichenden Impfschutz mussten abgeholt werden. So geschehen gestern in einer Pankower Kita. Noch ist nicht klar, ob das Kind auch tatsächlich die Masern hat. „Wenn das momentan nicht so ein großes Thema wäre, hätten wir vielleicht gar nicht an diese Krankheit gedacht“, sagt eine Erzieherin.

Berlin erlebt den schlimmsten Masernausbruch seit Einführung der Meldepflicht 2001 – und die Vorsicht steigt. Der Verband der Kinder- und Jugendärzte rät Eltern von Säuglingen sogar dazu, mit den Kindern momentan nicht in die Öffentlichkeit zu gehen. „Im Park mit dem Kinderwagen spazieren gehen, das geht schon“, sagt Kinderarzt Martin Terhardt, Impfexperte des Verbandes. „Ansteckungsgefahr besteht vor allem in Räumen mit engem Kontakt, im Nahverkehr zum Beispiel, auch im Supermarkt.“ Und wie lange wird die Welle noch dauern? „Ich befürchte, es geht noch mehrere Wochen. Dazu gibt es einfach noch zu viele ungeimpfte Erwachsene.“ Er hofft auf Wärme und Sonne, „das mag das Virus nicht“.

Denn diese Erwachsenen sind im Moment das größte Risiko. Bei ihnen gibt es die meisten Erkrankungen und auch die meisten Ungeimpften. „Der Ausbruch findet nicht schwerpunktmäßig in den Kitas oder Schulen statt, sondern im öffentlichen Raum, und deshalb lässt sich das Virus auch so schwer kontrollieren“, sagte Terhardt, der Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko) beim Robert-Koch-Institut ist. Schulen oder Kitas könne man zeitweise schließen, so wie es in dieser Woche ja auch schon passiert sei, aber den öffentlichen Raum könne man nicht abriegeln. Und wer das Virus hat, der kann schon ein paar Tage vor Ausbruch der Krankheit andere anstecken, ohne es zu wissen.

Deshalb der Appell der Ärzte: Alle Erwachsenen ohne ausreichenden Schutz sollten sich jetzt impfen lassen – und bei Babys sollte dies so früh wie möglich geschehen, nämlich schon mit neun Monaten, rät Terhardt. Andere Ärzte empfehlen die Impfung ab elf Monaten. Generell wichtig: Ein banaler Infekt stellt kein Hindernis dar, sagt Terhardt. „Bei Schnupfen oder Durchfall kann man trotzdem impfen. Wir raten erst ab einer Infektion mit Fieber über 38,5 Grad davon ab.“ Das sei seit einiger Zeit die Empfehlung der Stiko, habe sich aber noch nicht bei allen Ärzten herumgesprochen.

Für Babys unter neun Monaten ist der Impfstoff in Deutschland nicht zugelassen. In den ersten fünf Lebensmonaten können die Säuglinge durch den sogenannten Nestschutz vor der Infektion geschützt sein – aber nur, wenn die Mutter selbst Antikörper hatte. Es wird allerdings geschätzt, dass bis zu zwei Drittel der heutigen Müttergeneration keinen ausreichenden Masernschutz haben, sagte ein Vertreter des Verbandes der Kinder- und Jugendärzte. Nach einer Impfung ist man nach zwei Wochen geschützt. Wenn man sich in den ersten 72 Stunden der Ansteckung noch impfen lässt, stehen die Chancen gut, dass die Krankheit abgewehrt werden kann oder zumindest milder verläuft. „Masern sind immer eine schwere Erkrankung“, sagt Terhardt. Es sei ein Mythos, dass die Krankheit harmlos sei. Früher, bei den Jahrgängen vor 1970, hätten zwar fast alle die Masern durchgemacht, es seien aber auch viele Kinder daran gestorben.

Wenn man sich angesteckt hat, lässt sich nicht viel tun – außer die Beschwerden zu lindern. Erkrankte sollten Bettruhe einhalten und isoliert werden, rät die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Man solle die Kontaktpersonen informieren. Die Krankheit beginnt meist mit Fieber und Beschwerden wie Husten und Schnupfen. Der charakteristische Ausschlag beginnt nach ein paar Tagen und tritt meist zuerst im Gesicht und hinter den Ohren auf. Frühestens fünf Tage nach dem Auftreten des Ausschlags ist man nicht mehr ansteckend. Und wie gehen die Kitas damit um? Sollen Kinder unter einem Jahr nicht mehr in die Einrichtungen kommen? „Das ist eine Entscheidung, die die Eltern selber treffen müssen“, sagt Hannielle Babeliowsky von den Eigenbetrieben Süd-Ost, zu denen 44 Kitas mit mehr als 4700 Kindern in Neukölln, Treptow und Köpenick gehören. „Wir informieren die Eltern und machen sie darauf aufmerksam, wie wichtig die Impfung ist. Aber wir können es ihnen nicht vorschreiben.“

Nach Zahlen des Berliner Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso) von diesem Freitag sind seit Oktober 2014 mindestens 54 Kleinkinder unter einem Jahr an Masern erkrankt. Insgesamt haben sich mehr als 630 Berliner mit Masern infiziert.

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