Maskenmann-Prozess in Frankfurt (Oder) : Aus dem Sumpf gezogen

Am Freitag plädiert die Verteidigung im „Maskenmann“-Prozess um zwei Überfälle und eine Entführung, bei deren Ermittlungen nachweislich einiges schief lief. Welche Fragen sind in dem Fall noch ungeklärt? Ein Überblick.

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In der Nähe dieses Weges durch das sumpfige Gelände bei Storkow wurde 2012 vom sogenannten Maskenmann ein Berliner Immobilienbanker festgehalten. An dem bisher dargestellten Ablauf der Tat gibt es aber nun Zweifel.
In der Nähe dieses Weges durch das sumpfige Gelände bei Storkow wurde 2012 vom sogenannten Maskenmann ein Berliner...Foto: dpa

Es geht um drei spektakuläre Taten. Im August 2011 soll ein Maskierter die Unternehmergattin Petra P. vor ihrer Villa im brandenburgischen Bad Saarow, südöstlich von Berlin, attackiert und mit einem Knüppel brutal geschlagen haben. Im Oktober 2011 soll wiederum ein Maskierter die Familie P. überfallen haben. Dabei soll er auf den Bodyguard, den die Familie nach dem ersten Überfall eigens zum Schutz engagiert hat, geschossen haben. Seither sitzt der Mann im Rollstuhl. Ein Jahr später, im Oktober 2012, soll ein Maskierter den Berliner Investmentbanker Stefan T. in dessen Villa am Storkower See entführt und mit einem Kajak und einer Luftmatratze auf eine Schilfinsel verschleppt haben, um Lösegeld zu erpressen. In der Villa soll er in die Decke geschossen haben. Das Opfer konnte sich nach zwei Nächten am Morgen des 7. Oktober nach eigenen Angaben selbst befreien und flüchten.

Das Bundeskriminalamt stellte anhand der Projektile fest, dass bei dem zweiten Überfall und der Entführung diesselbe Waffe benutzt worden ist. Die Tatwaffe wurde nie gefunden, im September wurde der Dachdecker Mario K., zuvor monatelang observiert, vom einem Spezialeinsatzkommando in Berlin festgenommen. Bei allen Vorfällen soll der Täter eine Art Imkermaske getragen haben.

Was wird dem Angeklagten vorgeworfen?

Im sogenannten „Maskenmann“-Prozess vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) wirft die Staatsanwaltschaft Mario K. versuchten Mord, versuchte Tötung, gefährliche Körperverletzung und schwere räuberische Erpressung vor. Der 47-Jährige aus Berlin-Marzahn ist mehrfach vorbestraft. Der im Mai 2014 gestartete Prozess steht kurz vor dem Abschluss, heute plädiert die Verteidigung. Die Staatsanwaltschaft forderte bereits lebenslange Haft, die Nebenkläger sogar anschließende Sicherungsverwahrung. Nachdem die Ermittler 500 Hinweisen nachgegangen und 40 Verdächte geprüft hätten, sieht die Staatsanwaltschaft K. anhand einer Indizienkette überführt. Aber es gibt keinen schlagenden Beweis wie etwa eine DNA-Spur. Es seien aber auch keine entlastenden Momente zugunsten von Mario K. gefunden worden, der vorrangig im Freien lebte. Gegen Mario K. werden zudem seine Vorstrafen angeführt. Und er kann schießen, in einem Schützenverein übte er mit einer Ceska, wie sie auch bei den Taten benutzt wurde. 1997 hatte er mit einer Ceska in Berlin-Hellersdorf in einem Schnellrestaurant um sich geschossen – und kam deshalb fast vier Jahre ins Gefängnis.
2004 kam er wieder hinter Ginter. Er war im Südosten Berlins in Hausboote und Yachten eingebrochen, klaute und setzte Boote in Brand. Wegen Diebstahls und Brandstiftung wurde er zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Die Staatsanwaltschaft glaubt, hinter den damaligen Taten auch ein Motiv für die späteren Überfälle zu sehen: Hass auf Reiche und Geldmangel. Mario K. selbst schweigt zu den Vorwürfen. Er ließ aber von seinem Anwalt erklären, er sei der Falsche.

Vor Gericht tauchte das angeblich Tatkajak geputzt und ohne Muschelreste auf.
Vor Gericht tauchte das angeblich Tatkajak geputzt und ohne Muschelreste auf.Foto: Patrick Pleul/dpa

Welche Widersprüche gibt es?

Schlagzeilen machte der Fall besonders, weil bei den Ermittlungen der Polizei eine Menge nachweislich schief lief. .Selbst der Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) spricht von „unseren Fehlern bei den Ermittlungen“ und einem extremen Erfolgsdruck. Im Prozess selbst standen häufig nicht mehr die Vorwürfe gegen Mario K. selbst, sondern die Arbeit der Ermittler im Mittelpunkt. Mehrere Beamte erhoben den Vorwurf, dass sie nicht in alle Richtungen ermitteln durften. Sie beklagten, dass sie Zweifeln an den Angaben des Entführungsopfers nicht nachgehen konnten – auf Weisung der Chefermittler wegen der gesellschaftlichen Stellung des Opfers. Das Opfer wurde auch nicht gleich nach der Entführung rechtsmedizinisch untersucht, wie es eigentlich Standard ist. Im Prozess bezweifelte ein Gutachter die Angaben des entführten Bankers: Er hätte auf seiner Flucht Verletzungen und eine Unterkühlung davontragen müssen.
Zudem wurde er – ohne dass die Ermittler ihn ausführlich mit Nachfragen konfrontieren konnten – in den Urlaub entlassen. Der damalige Polizeipräsident Arne Feuring, der derzeit Innenstaatssekretär in Brandenburg ist, aber nach dem Skandal um gefälschte Kriminalstatistiken einen neuen Job sucht, befand damals die ersten Aussagen als ausreichend. Und der Chef der Mordkommission war bei der Nachstellung der Entführung betrunken.

Welche Spuren wurden nicht verfolgt?

Zweifel gibt es auch an dem Tatwerkzeug. An einem Kajak, dass der Banker als dasjenige identifizierte, mit dem er über den See geschleppt worden sei, fanden Gutachter des Landeskriminalamts Muscheln. Demnach hätte es schon länger unter Wasser gelegen. Näher geprüft wurde das nicht. Im Gericht präsentiert wurde ein geputztes Kajak. Auch bei der Täterbeschreibung gibt es Widersprüche: Das erste Opfer, die Unternehmerfamilie, beschrieb ihn als 1,70 Meter groß, Mario K. ist jedoch 1,85 Meter lang. Im Prozess ging es um kleinste Details: Kopfform, Farbe des Bartes, ein geknicktes Ohr. Und um eine Arthrose von Mario K. im Bein, die eine Entführung im Sumpfgebiet aus Sicht eines Gutachters zumindest fraglich erscheinen lässt
Auch direkte Spuren wurden nicht verfolgt: Auf der Schilfinsel, wo das Entführungsopfer 33 Stunden lang gefesselt gelegen haben soll, fand sich auch eine Decke samt DNA-Spur. Ein Hundehaar wurde auf der Decke gefunden. Die DNA wurde mit einem Hund aus dem Umfeld von Mario K. abgeglichen – ohne aussagekräftiges Ergebnis. Ein Abgleich mit dem Hund eines anderen Verdächtigen, der kurzzeitig ins Visier der Ermittler geriet, war nicht erwünscht: Es handelt sich um einen früheren Beamten der Polizei Brandenburg, er war Pilot bei der Hubschrauberstaffel. 2013 quittierte er den Dienst, zuvor hatte er schwarz bei einer Firma gearbeitet. Gegen ihn wird ermittelt unter anderem wegen Bestechlichkeit. Er geriet in Verdacht durch die Erfassung seines Handys in den Funkzellen zu allen Tatzeiten an den Tatorten.

Geprüft wurde sein Alibi bei der Entführung nur anhand seines Dienstplans, dessen Nachweis aber bisher nicht genau geklärt ist. Er wurde nach der Entführung zum Dienst gerufen. Die Staatsanwaltschaft hält das Alibi wegen eines Anrufs des Polizisten aus der Dienststelle weiter für plausibel, auch wenn die von ihm getrennt lebende Frau zumindest erklärt, sie könne sich nicht mehr erinnern, ob er am Abend der Entführung daheim gewesen sei – und dass er nach dem Dienst viele Stunden nicht zu Hause gewesen sei. Ob der Beamte eventuell bei den anderen Taten als Verdächtiger in Frage käme, wurde nie genau geprüft. So wurde erst durch Tagesspiegel-Recherchen publik, dass er in sechsstelliger Höhe verschuldet war und die Opfer möglicherweise sogar kannte. Befragt wurde auch die Frau nicht.
Wer der Täter ist, Mario K. oder ein anderer, ist nach mehr als 50 Prozesstagen auch für hartnäckige Beobachter alles andere als klar. Weil bei weitem nicht alle Fragen aufgeklärt sind, es zu viele Widersprüche gibt. Verteidiger Axel Weimann könnte deshalb heute einen Antrag stellen, erneut in die Beweisaufnahme einzutreten. Die Staatsanwaltschaft lehnt das ab.

Welche Folgen hat der Prozess?

Wegen der schlampigen Ermittlungen haben der Fall und der Prozess schon jetzt bundesweit Aufsehen erregt. Die Polizei steht enorm unter Druck. Die Opposition aus CDU und Grünen im Landtag Brandenburg will die Zustände mit einem Untersuchungsausschuss näher beleuchten. Und bei einer Verurteilung von Mario K. ist zu erwarten, dass sein Anwalt in Revision geht.

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