Berlin : Massenabfertigung für arme Berliner auf dem Friedhof

2300 Tote im Jahr erhalten ein Billigbegräbnis. Seit Januar werden sie bestattet, wo es wenig kostet – notfalls am anderen Ende der Stadt

Rainer W. During

Berlin spart, auch bei der letzten Ruhe. Verstorbene, die über keine finanziellen Rücklagen oder zahlungspflichtige Angehörige verfügen – rund 2300 Fälle pro Jahr – werden seit Januar dort beigesetzt, wo es am billigsten ist: Oft am anderen Ende der Stadt, fernab von Freunden und Bekannten und zum Teil auch in Sammelbestattungen. Protest gibt es jetzt aus einem Spandauer Behindertenheim und auch von der evangelischen Kirche in Neukölln.

Geistig Behinderte aus einem Neuköllner Heim wollten auf dem städtischen Parkfriedhof am Buckower Damm einem Mitbewohner die letzte Ehre erweisen, berichtet Superintendent Bernd Szymanski. Doch gleich fünf Urnen auf einmal wurden zum anonymen Gräberfeld getragen. Die begleitende Pfarrerin habe noch nicht einmal bei der Beisetzung sprechen dürfen. Und das sei „kein Einzelfall“. Superintendent Bernd Szymanski spricht von einer „unglaublichen Situation“ und einer Behinderung der freien Religionsausübung. Man werde jetzt dem Bezirksamt mitteilen, dass „es so nicht geht“. Und der Obermeister der Bestatterinnung Berlin-Brandenburg, Rüdiger Kußerow, meint: Die Beisetzungen im Minutenabstand kommen ihm vor „wie im Krieg.“

Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) räumt ein, dass bis zu fünf Urnen in einem Arbeitsgang beigesetzt werden. Angehörige, Redner oder Pfarrer hätten aber die Möglichkeit, zuvor in der Trauerhalle oder auch danach am Grab zu sprechen. Nur individuelle Ansprachen während des Absenkens der einzelnen Urnen seien nicht möglich, schließlich handele es sich um keine „Individualbestattungen“.

Auch im Heilpädagogischen Zentrum Vitanas in Kladow ist es üblich, dass die Behinderten mit ihren Rollstühlen zur Beerdigung fahren, um von verstorbenen Mitbewohnern Abschied zu nehmen. Bisher war das auf Spandauer Friedhöfen auch kein Problem. Doch als jüngst ein langjähriger Bewohner starb, wurde die amtliche Beisetzung auf einen kostengünstigeren Kirchhof in Weißensee verlegt – gut 30 Kilometer entfernt, einmal quer durch die Stadt. Zentrumsleiter Heinz-Dieter Nies spricht von einem „Skandal“. Nach Intervention eines Bezirksverordneten lässt das Sozialamt jetzt zumindest prüfen, ob eine Beisetzung im Bezirk gegen Zuzahlung der Mehrkosten möglich ist.

Bisher gab es eine Rahmenvereinbarung zwischen dem Land und der Innung. Danach konnte das Bestattungsunternehmen frei gewählt werden und erhielt eine Pauschale. Die lag nach Informationen des Tagesspiegels bei 500 Euro bis 600 Euro – zuzüglich der Friedhofs- und Krematoriumsgebühren. Im Rahmen der Sparmaßnahmen waren die Bezirke jetzt verpflichtet, die sogenannten ordnungsbehördlichen Bestattungen europaweit auszuschreiben und jeweils an den billigsten Anbieter zu vergeben, der nur generell Berliner Krematorien und Friedhöfe nutzen soll.

Mehrfach erhielt ein norddeutsches Unternehmen den Zuschlag, das Filialen in Berlin hat, zu den Siegern gehörte aber auch eine große, in Berlin ansässige Firma. Dem Vernehmen nach wird für eine Pauschale gearbeitet, die bei 250 Euro liegt. „Ich habe gestaunt, wie billig man bestatten kann“, sagt ein Berliner Stadtrat, der nicht genannt werden möchte. „Dafür ist es eigentlich nicht zu machen“, erklärt dagegen Obermeister Kußerow.

Der Senatsbeschluss, dass Aufträge nur an Firmen vergeben werden, die nachweislich Mindestlöhne zahlen, habe zum Zeitpunkt der Ausschreibungen noch nicht gegolten, so der Spandauer Stadtrat Martin Matz (SPD). Man sei verpflichtet, Steuergelder effizient einzusetzen und Leistungen nach dem Vergaberecht auszuschreiben.

Heime und Behörden seien jetzt amtlich aufgefordert wurden, bei Todesfällen ohne erkennbare Angehörige grundsätzlich die Billigbestatter zu rufen, kritisiert die Innung. Deren Kalkulation könne nur aufgehen, weil bei ihnen jetzt auch gebündelt die Vielzahl von Fällen landet, in denen nachträglich doch noch zahlungspflichtige Verwandte ausgemacht werden. Geschieht das noch vor der Beisetzung, würden diese deutlich höhere Preise zahlen.

Bei Personen ohne zahlungspflichtige Verwandtschaft hält Stadtrat Matz die landesweite Suche nach der preisgünstigsten Grabstätte für legitim. So werden mittellose Spandauer seit einiger Zeit meist auf den kirchlichen Friedhöfen an der Indira-Gandhi-Straße in Weißensee oder auch an der Gottlieb-Dunkel-Straße in Mariendorf bestattet. Der liegt ebenfalls weit entfernt von Spandau, aber auch dort kostet die Grabstätte deutlich weniger als auf den städtischen Friedhöfen. Superintendent Szymanski kritisiert die auch von vielen anderen Bezirken geübte Praxis. Schließlich seien auch Freunde, Nachbarn oder Heimmitbewohner im weitesten Sinne Angehörige eines Verstorbenen.

Dass es auch anders geht, beweist der Bezirk Mitte, der mit 261 Fällen im vergangenen Jahr die meisten ordnungsbehördlichen Bestattungen verzeichnete. Dort betrachte man auch diesen Personenkreis als Angehörige und versucht, deren Wünsche zu berücksichtigen, wenn die Mehrkosten nicht „immens“ seien, so die zuständige Mitarbeiterin. Auch in Marzahn-Hellersdorf werden Verstorbene im eigenen Bezirk beigesetzt, wenn es hier Bezugspersonen gibt. Gruppenbestattungen gibt es grundsätzlich nicht. Rainer W. During

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