Berlin : Mathild Reuter (Geb. 1931)

Am Ende jeder Party saßen alle immer um sie herum. Das war in Berlin nicht anders als auf Aruba

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Wie sie schlafen konnte in Flugzeugen! Stundenlang und ganz unbeeindruckt. Sogar auf Kurzstrecken. Das hat die anderen immer wieder verblüfft. Braucht es dafür die Zuversicht, dass am Ende der Reise etwas Gutes wartet?

Die letzte große Reise, deren Ziel sie selbst bestimmte, begann an einem Freitag im Januar des vergangenen Jahres mit dem Anschnallen für den Flug nach Amsterdam um 10 Uhr 15 ab Berlin-Tegel. Mathild Mattern, verheiratete Reuter, wie sie es formulierte, band sich kurz vor dem Start gegen Reiseübelkeit ihre Akupressur-Armbänder, die „Kotzbänder“, um, um gleich danach ein Nickerchen zu halten. Mit ihr reiste die ganze Familie. Ihr Sohn, ihre Tochter, deren Ehepartner und insgesamt fünf Enkel. Sie hatte alle eingeladen. Zur Feier ihres 80. Geburtstages, der Ende Dezember gewesen war.

In die Zeit zwischen Buchung und Abflug war ihr dann die Diagnose geplatzt, die im wilden Kontrast stand zu der Fröhlichkeit, mit der die Reise geplant war. Die Diagnose lautete Lungenkrebs. Aber deswegen nun alles absagen? Kam ja gar nicht infrage.

Beim Umsteigen in Amsterdam mussten sie sich beeilen. Die Patriarchin der Reisegesellschaft wurde, was ihr nicht schlecht gefiel, in einen der herumstehenden Rollstühle gesetzt und eilends durch die ewigen Gänge des niederländischen Airports geschoben, so dass der Anschlussflug mühelos erreicht wurde. Mit dem durchkreuzten sie acht Zeitzonen und waren trotzdem erst am Abend am Ziel. Auf Aruba.

Aruba ist so weit weg, wie sich das anhört. Es ist eine kleine Insel in der südlichen Karibik, Niederländische Antillen. 25 Kilometer von der venezolanischen Küste entfernt liegt sie im türkisfarbenen Meer, das träge an weiße Strände heranrollt, und ist gekennzeichnet von Bäumen, deren Stamm auf halber Höhe rechtwinklig abknickt und waagerecht weiterwächst. Divi-Divi heißen die Bäume, und die Einwohner nennen ihre Insel „Happy Island“, glückliche Insel.

Schon auf dem Flugfeld des Queen Beatrix International Airport strich den Reisenden, die aus dem Berliner Winter kamen, der milde Subtropenwind über die flugstrapazierten Gemüter und machte sie glücklich. Alle und vor allem Mathild. „Salü Aruba, da bin ich wieder“, hat sie vielleicht gedacht, denn Salü, das war eins ihrer Worte.

Salü, das ist Elsässisch, und aus dem Elsass stammte sie. Mathilde Marthe nannten ihre Eltern sie. Mathild wurde sie gerufen, französisch, ohne e hinten. Zweieinhalb Jahre nach ihr kam ein Bruder zur Welt. Jean oder Hans, wie es auf Deutsch hieß. Sie wuchsen in sehr engen konservativen und katholischen Verhältnissen auf. Doch konnten nicht schon die verschiedenen Aussprachen für ihre Kindernamen als Hinweis darauf gelten, dass manches mehr ist als auf Anhieb erkennbar? Mathild jedenfalls zog den Schluss, dass die Welt erobert werden will. Sie ging auf die Leute zu, sprach sie an, hörte ihnen zu. Sie ließ sie umgekehrt auch an sich ran, gab von sich preis, ohne sich zu verraten. Das machte sie so anziehend für die Menschen, die sie regelrecht umschwirrten. Schon in den Kinderjahren fing das an und änderte sich nie. Jean oder Hans blieb allseits in Erinnerung als „der Bruder von Mathild“. Umgekehrt hätte keiner je Mathild „die Schwester von Hans“ genannt. Der Bruder nahm das nicht übel.

Als der Vater aus beruflichen Gründen nach Frankfurt am Main musste, zog die Familie mit. Mathild fand im Nu neue Freunde. Sie ging zur Schule und dann in die kaufmännische Lehre. Arbeitete bei Lurgi, Böhringer, AEG. Das war in Stuttgart. Auf dem Weg dorthin im Zug lernte sie auch den Mann kennen, den sie heiraten wollte. Sekretärin wurde sie später, da waren sie schon in Berlin, und sie konnte so schnell tippen, dass ihren Kindern schwummerig vor Augen wurde.

Mathild war sicher keine Sekretärin, die nur Aufträge und Formbriefe schrieb. Sie arbeitete am Institut für Zukunftsforschung. Wie das passte: so eine nach vorne schauende, zukunftsorientierte Frau und so ein Institut. Später – nach dessen Gründung 1981 – ging sie ans Wissenschaftskolleg Berlin, das neue Forschungsinstitut von Peter Wapnewski. Mathild lernte dort viele kluge und interessante Menschen kennen und las viele kluge und interessante Texte Korrektur, auch Examens- und Doktorarbeiten, und so kamen immer neue Ideen in ihren Kopf.

Denkt neu, schaut euch um. Das vermittelte sie auch ihren Kindern. Aber sie sollten wissen, wer sie sind und wo sie stehen. Mathild hielt nichts von Dünkel oder voreiligen Rechtfertigungen. „Das musst du überhaupt nicht ignorieren“, sagte sie zu Sohn und Tochter, wenn die sich über Kränkungen beschwerten oder schlechte Noten. Oder: „Lass’ dir ja nicht zu wenig gefallen“, wenn ein Lehrer- und später ein Chefgespräch anstand.

Für die Kinder, nicht nur ihre, gründete sie mit anderen Müttern in Wilmersdorf den ersten Kinderladen Berlins. Dort wurde ein schwarzer Erzieher eingestellt. Der war es auch, der Mathild nach Aruba lockte. Später reiste sie, durch die Karibikfahrt furchtlos geworden, nach Afrika, China und quer durch Indien.

Auf Aruba gefiel es ihr so gut, dass sie dort ein Häuschen kaufte. Nicht am weißen Strand hinter den Palmen und mit Blick aufs Meer, sondern eins, das neben einem chinesischen Lebensmittelladen mitten im Ort stand. Und es überraschte zu Hause in Berlin niemanden, als sich herausstellte, dass Mathild in kurzer Zeit Anschluss gefunden hatte, mehr noch: dass sie auch auf Aruba zum Kern der Gesellschaft zählte.

Wie sie das immer machte? Kann man Charme definieren, Ausstrahlung, Charisma? Am Ende fast jeder Party haben die Menschen bei Mathild gesessen.

Eine Künstlerin, der Mathilds Art gefiel, ließ sie ein Hörspiel sprechen. 24 ziemlich autobiografische Minuten. Mathild erzählt darin von einer Frau, die oft von Kohldampf sprach. Mein Gott, habe ich Kohldampf, habe die Frau immer gesagt, und sie, damals ein Kind, das unter Sodbrennen litt, habe da ein Synonym für ihr eigenes Leid rausgehört. Kohldampf – Sodbrennen. Es habe so gleich geklungen. Mathild lacht bei der Erinnerung vor sich hin. Denn es habe zu Hause natürlich Verwirrung gegeben, wenn sie nach dem Essen sagte: „Ich habe Kohldampf“, und ihre Mutter antwortete: „Aber du hast doch eben gegessen.“

Der Sohn, ein Theatermann und Aktionskünstler, lud seine Mutter auch ein, in seinen Produktionen mitzuspielen. Einmal spielte sie in einem Film fünf kleine Rollen. In einer war sie Berliner Toilettenfrau, die einem Besucher aus Afrika 50 Cent „for small“ und einen Euro „for big“ abverlangt. Als der nicht versteht, aber der Druck wächst und er die Hose im Vorraum öffnet, kreischt sie los. Sie konnte solche Albernheiten bierernst abliefern. Konnte Spottlieder singen und Opernarien karikieren und ihr Vergnügen am eigenen Auftritt dabei verbergen.

Als sie älter wurde und die jährliche Reise nach Aruba zu anstrengend, verkaufte sie das Haus in der Ortsmitte an den chinesischen Nachbarn. Der wollte dort einziehen und in seinem Haus den Laden vergrößern. Hatte er jedenfalls gesagt, doch es kam anders. Deshalb war Mathild nicht dabei, als ihre Kinder bei der gemeinsamen Reise 2012 noch mal zu dem Haus gingen. „Ich will das nicht sehen“, sagte sie. Der Nachbar hatte ihren Garten und ihr Haus niedergewalzt und dort einen neuen Ladenanbau errichtet. Sie ging stattdessen ins Spielcasino.

Zu den Leidenschaften Mathilds, denen sie auch allein nachgehen konnte, zählten das Spielen, das Zocken mit abgebrühter Miene. Karten, Brettspiele oder im Casino. Außerdem das Sammeln von Hüten, mit denen ihre große Wohnung vollgehängt war, und das Sammeln von Hähnen, was ihr irgendwann auf den Wecker fiel, weil sie immerzu welche geschenkt bekam, weshalb sie vor ihrem Tod ihren Kindern vorschlug, die auf ihrer Beerdigung an die Gäste zu verschenken. Und die letzte Leidenschaft: das Rauchen. Mit 14 Jahren hat sie es sich unter furchtbaren Hustenanfällen, aber mit eisernem Willen angewöhnt, und dann hat sie nie wieder davon gelassen.

Als Jahrzehnte später die zwei Flecken auf ihrer Lunge zu erkennen waren und die Diagnose kam, hat sie es ohne einen Ausflug in die Welt der Chemotherapeuten dabei belassen. „Ich hatte ein schönes Leben“, hat sie gesagt – und dann die Welt so verlassen, wie sie sie zuvor bereist hat: Sie schlief einfach ein. Ariane Bemmer

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