Berlin : Matrosen und Milchmädchen

Burleske Unterhaltung: Die „Teaserettes“ mixen Tanz, Comedy und Erotik

Jeannette Krauth

Miss Litchy Lou muss nicht mehr am Kotti anschaffen. Doch sie heult. Nicht wegen der Erinnerung an die Freier, nicht wegen der Drogen zum Vergessen. Liebeskummer lässt dicke Ströme schwarzer Wimperntusche über ihre Wangen laufen. Sie krümmt sich, sie schluchzt, sie reißt sich den Trenchcoat vom Leib und alles, was sie am Oberkörper trägt. Bis auf zwei Paillettenhütchen auf den Brüsten. Dann stürzt sie von der Bühne. Die Getriebene. Die Gestrandete. Die Verlorene.

Solche Miniaturgeschichten erzählen die „Teaserettes“. Die fünf Frauen stehen mit einer Mischung aus Burlesque-Tanz und Comedy auf der Bühne. Benannt sind sie nach den 50er-Jahre Teaserama-Filmen mit Pin-Up Legende Betty Page. Burlesque ist Varieté plus Striptease mit Niveau. Dabei hat er so wenig mit profanem Ausziehen zu tun, wie der Film „Moulin Rouge“ mit einem wahren Bordell gemeinsam hat. Die Teaserettes bieten ein selbstironisches Spiel, leicht und sexy, aber ohne die Angst vor dem Komischsein, vor dem Herumalbern.

Der Rahmen geht so: „Sandy Beach“ ist die Mutti aller Teaserettes. Sie hat ein großes Herz. Das hat sie dazu gebracht, „gestrauchelte Mädchen aufzulesen“. „Miss Cherry Temple“ etwa: Mit neun Jahren war sie Kinderstar, mit zwölf Jahren drogenabhängig. Oder „Miss Behave“, die in ihrem vorigen Leben „die rechte Hand des Papstes“ war. Auf der Bühne steht sie mit schwarzem Pagenschnitt, Lederjacke und Handschuhen - lange her, ihr Leben als Nonne.

Die Obermutter „Sandy Beach“ gibt Sandra Steffl. Die Schauspielerin hat schon mit Thomas Hermanns vom Quatsch Comedy Club gearbeitet und gehört seit Neuestem zum Tratsch-Team von „Blond am Freitag“. Als sie 2003 noch in München wohnte und täglich auf dem Nachhauseweg an einem der ältesten Bordelle der Stadt vorbeikam, der „Schwarzen Katz“, da hatte sie die Idee: Eine erste Burlesque-Truppe für Deutschland. „In den Staaten sind Comedy und Table-Dance-Lokale eng verbunden“, sagt sie. „Stars wie Eddy Murphy haben sich zuerst in Striplokalen ausprobiert: Denn wenn jemand lacht, wo eigentlich alle nur Fleisch sehen wollen, dann bist du gut.“ Steffl trat also zwischen den Stripperinnen als Comedy-Moderatorin auf. „Die Tänzerinnen waren um die 50 Jahre alt, stellten den Gästen erst ihr Bier auf die Häkeldeckchen vor ihnen, zogen sich an der Stange aus, und gingen danach mit denen in die Separees – unglaublich“ sagt Sandra Steffl. Die Idee von der Burlesque-Truppe blieb aber zunächst ein Traum. „Erst 2004 in Berlin habe ich Frauen dafür gefunden“, sagt sie. Denn es sollten eben weder professionelle Stripperinnen noch 90-60-90-Models sein. Schauspielerkolleginnen und Frauen aus der Rock’n’Roll- Szene sind jetzt Deutschlands erste Burlesque-Truppe. Erste kleine Auftritte gab es im Frühjahr; und im Sommer kam Burlesque-Star „The Lady Ace“ aus New York, um die Teaserettes zu schulen.

In den Vereinigten Staaten hat sich „New Burlesque“ nämlich als Gegentrend zum simplen Striptease entwickelt. In Nevada findet beispielsweise jährlich ein riesiges Festival in der Wüste statt, das „Miss Exotic World Festival“; und es gibt richtige Burlesque-Legenden, etwa Tempest Stone, die über 70-jährig noch Shows gibt, oder Dixie Evans, eine Marilyn-Monroe-Kopie.

Hollywood-Kopien zeigen die Teaserettes nicht. Sie spielen eher Tiere oder Männer – etwa als milchschleckende Kätzchen, die auf allen Vieren aus einer Milchschüssel trinken und dabei „Miau“ schreien. Es klingt albern? Es ist albern. Und köstlich, wenn sie als derbe Matrosen in Männerunterhosen die Beine schwingen und dazu „Hey-Ja“ rufen, wobei man ihre schwarz gemalten Zähne sieht. Um dann wie Uma Thurman in „Pulp Fiction“ zu tanzen und sich im nächsten Moment auf den eigenen Hintern zu klopfen. Das rutscht nicht ins Geschmacklose ab, weil die Situationen stets komisch aufgelöst werden. Ein karikierendes Spiel über alle möglichen sexuellen Klischees.

Nächster Auftritt am Sonnabend, 1. Oktober, 21 Uhr im Tabou Tiki Room, Maybachufer 39, Neukölln. Eintritt 10 Euro, Einlass ab 20 Uhr.

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