Matthes' Charlottenburg : Von lauschig bis lausig

Er liebt die breiten Bürgersteige - und leidet an einer Narbe des Bezirks. Für Schauspieler Ulrich Matthes ist Charlottenburg die geliebte Heimat.

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Hauptsache Ruhe: Schauspieler Ulrich Matthes genießt seinen unanstrengenden Bezirk.
Hauptsache Ruhe: Schauspieler Ulrich Matthes genießt seinen unanstrengenden Bezirk.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

"Charlottenburg – das ist doch ein Schnarchbezirk!" Der Schauspieler Ulrich Matthes hört dieses Urteil so oder so ähnlich immer wieder und quittiert "die Ideologisierung des Bezirks" mit einem genervten Lächeln. Er hat dort vor einigen Jahren einfach eine schöne Wohnung gefunden, in der er sich wohl fühlt. Reiner Zufall, dass sie ausgerechnet in diesem Bezirk liegt.

Freilich schätzt er hier ein Gefühl von Vertrautheit, das ihn umweht und zu tun haben mag mit prägenden Jugenderlebnissen. Aufgewachsen ist er nämlich gar nicht so weit entfernt in Schmargendorf. "So mit 14 sind wir immer in die Ku’dammkinos gegangen oder haben bei Ali Baba für 50 Pfennig Pizza gegessen." Der Bezirk vermittelt ihm ein Heimatgefühl: "Ich bin halt Westberliner." Es macht ihm gar nichts aus, dass es sich um einen bürgerlichen und eher ruhigen Bezirk handelt, der nicht so völlig jugendbewegt ist wie Prenzlauer Berg oder Friedrichshain. Als Ensemble-Mitglied am Deutschen Theater ist er sowieso jeden Tag in Mitte. Er hat einen anstrengenden Beruf und genießt die Rückkehr in einen unanstrengenden Bezirk, an dem er vieles schön findet. Zum Beispiel liebt er die breiten Bürgersteige. In Mitte sind sie eher schmal. So ganz kiezorientiert möchte er trotzdem auf keinen Fall leben. In Charlottenburg gleichzeitig zu wohnen und zu arbeiten, das käme ihm zu viel vor. Manchmal, wenn er eine andere Atmosphäre braucht, dann fährt er nach Prenzlauer Berg, nach Friedrichshain oder Kreuzberg. Das Touristenbashing dort ist ihm freilich auch wieder zu viel, zu viel Ideologie vor allem. "Wie kann man nur so eine Kampagne machen?", fragt er ratlos. Ulrich Matthes, der mit Filmen wie "Der Untergang" und "Der neunte Tag" berühmt geworden ist, gibt jeder Antwort einen eigenen Ausdruck. Während er erzählt, entfaltet sich Charlottenburg in all seinen Facetten vor dem inneren Auge, von lauschig bis lausig. Das Gespräch ist wie großes Kino.

Natürlich gibt es Ecken, die ihm ein Dorn im Auge sind. Das gilt ganz besonders für den Hardenbergplatz. Er kann gar nicht verstehen, dass der Platz seit Jahrzehnten „im Koma liegt und so aussieht, wie er aussieht“. Warum, fragt er sich, raffen sich die Politiker nicht mal auf, einen Investor zu finden und beispielsweise die Architekten von Graft zu bitten, da ’was ganz Verrücktes hinzusetzen, etwas, das dem alten Westen eine neue Art von Glanz verleiht? Fast belustigt kommentiert er diese Gegend, die für ihn "eine der scheußlichsten Ecken der Stadt" ist, und malt sich aus, wie es sein wird, wenn demnächst die Gäste aus dem Waldorf-Astoria herauskommen und direkt das Beate-Uhse-Sexmuseum und die China-Pfanne daneben vor Augen haben . "Das ist Berlin", sagt er dann, und das klingt fast liebevoll. "Kurios!" Eigentlich findet er es gar nicht so schlimm, dass es noch eine Weile dauern wird, bis sich etwas ändert. Sollen die Leute doch das normale, das typische Berlin-Gefühl erleben.

Lesen Sie auf Seite 2, wo Matthes schon als Kind Bücher kaufte.

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