Berlin : Matthias Jakel (Geb. 1990)

„Kriegen wir hin“, sagt er. „Könnte schwierig werden“, sagt er nie

von

Wo bleibt Matthias? Vor einer halben Stunde waren sie im Büro verabredet. Jan, Matthias’ Kollege, ruft ihn auf seinem Handy an. Er geht nicht ran. „Hey Matthias, was ist los? Ich warte hier mit Trevor, meld dich mal“, spricht er ihm auf die Mailbox.

Oft steht Matthias um fünf Uhr auf, fährt von seiner WG in Prenzlauer Berg mit dem Motorrad ins Büro. Matthias ist Software-Entwickler. Mit Jan hat er gerade ein neues Projekt begonnen. Vor einer Woche haben sie dafür eine Web-Designerin gefunden. Alles fühlt sich passend und gut an. Sie arbeiten in einem hellen „Coworking Space“ hoch über dem Alexanderplatz. Meistens bleibt Matthias bis mittags. Manchmal fährt er dann mit seinem Motorrad ins Berliner Umland. Er genießt es, sich seine Arbeitszeiten selbst einteilen zu können. Auf dem Motorrad fühlt er sich frei.

Mehrmals versucht Jan an diesem Tag, Matthias auf dem Handy zu erreichen. Ist er krank? Hat er eine Frau kennengelernt und im Liebestaumel die Zeit vergessen? Ein Motorradunfall? Irgendwann fängt Jan an, im Internet den Polizeiticker zu lesen. Und findet nichts. Mit einem mulmigen Gefühl geht er abends ins Bett.

Erst vor ein paar Wochen hat Matthias den Motorradführerschein gemacht. An dem Tag lädt er auf seiner Facebook-Seite ein Foto seines Motorrads hoch: eine giftgrüne Kawasaki Ninja, „eine neue ära beginnt“, schreibt er dazu. Jan sind Motorräder suspekt, und dieses Ding mit der hornissenartigen Form sieht besonders bedrohlich aus. Sie sprechen über die Gefahren des Motorradfahrens. Matthias sagt: „Mit der Motorrad-Lederkombi rutscht man bei einem Sturz einfach nur über die Straße.“

Die beiden Kollegen sind sehr verschieden. Während Jan weit ausholt und ausschweifend formuliert, redet Matthias, wie er E-Mails und SMS schreibt: kurz und prägnant. Zu einer Praktikantin sagt er einmal: „Du siehst ja, dass hier was Neues entsteht. Überleg doch mal, wo du dich darin siehst.“ Jan fühlt sich etwas überrumpelt von der ungestümen Art. Aber Matthias erinnert ihn an seine eigenen jungen Jahre.

Am nächsten Morgen sucht Jan bei Google etwas konkreter: „motorradfahrer unfall berlin“. Unter den Suchergebnissen taucht eine Agenturmeldung auf: „Im Landkreis Barnim ist am Montagnachmittag ein 22-jähriger Motorradfahrer ums Leben gekommen.“ Im Brandenburger Polizeiticker findet er die Meldung: „Kradfahrer stirbt nach Zusammenstoß mit Pkw.“ Das Motorrad soll eine Kawasaki sein. Matthias’ Handy ist inzwischen nicht mehr erreichbar. Als Jan bei der Polizei in Eberswalde anruft, wird er vertröstet, er soll sich später noch einmal melden, im Moment gibt es ein Computerproblem.

Als sie sich zum ersten Mal getroffen haben, ist Jan 44, Matthias 21. „Der neue Entwickler könnte mein Sohn sein“, berichtet er seiner Frau. Trotzdem begegnen sich beide auf Augenhöhe. Matthias hat Talent, das weiß er auch. Er will sich niemandem beweisen müssen. Er kann sich seine Auftraggeber aussuchen und arbeitet nur mit Leuten, die er mag. Dabei ist er nicht arrogant. Stets freundlich und aufgeschlossen, immer mit einem Lächeln im Gesicht. „Kein Problem. Kriegen wir hin“, sagt er. „Könnte schwierig werden“, sagt er nie. Am Nachmittag erreicht Jan einen Polizeibeamten in Eberswalde. „Ich mache mir Sorgen um meinen Kollegen, der gestern nicht ins Büro kam. Ich hab im Ticker von dem 22-jährigen Motorradfahrer gelesen …“ – „Meinen Sie den Herrn Jakel?“

Matthias’ Facebook-Profil ist noch aktiv. Sein letzter Eintrag, wenige Tage vor seinem Tod, zeigt ein Foto mit dem Ausblick aus dem Bürofenster hoch über dem Alexanderplatz: der Osten Berlins im Sonnenaufgang. „mein neuer arbeitsplatz“, hat Matthias daruntergeschrieben. Jan Mohnhaupt

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben