Berlin : Matthies meint: Der letzte Berliner (Kommentar)

Bernd Matthies

Ja, Mensch, is denn dit imma noch Bahlin? Wo allet knorke is oda dufte oda schnafte, wo der lange Lulatsch mit die schwangre Auster rummacht und Nante anne Ecke lehnt?

Puh. Erklärung für unsere neu zugereisten Leser: Berlin war im letzten Jahrhundert im Besitz einer eigentümlichen Mundart, die zwar unaufhaltsam verschwand, aber als Klischee aus werbetechnischen Zwecken am Leben blieb. Der herbe Zille-Humor des arttypischen Eingeborenen tauchte immer dann aus der Gruft auf wie die Mumie aus dem Wüstensand, wenn es etwas zu taufen gab - der gefundene Begriff aber verschwand stets in aller Stille im Archiv.

Ob das nun auch Nano-Ede so geht? Der hüftsteife, menschenförmige Roboter aus der Ausstellung "Sieben Hügel" ist zwar längst wieder in Japan, aber der neue Name bleibt hier - Frucht eines Wettbewerbs, der der Siegerin nun immerhin ein neues Auto eingebracht hat. Das sei ihr gegönnt. Angesichts der Alternativen scheint die Entscheidung der Jury nicht einmal ganz abwegig, denn im Gespräch waren auch so gnadenlos berlinoide Heuler wie "Piefke" oder "Eiserner Gustav". Gustav? Na, wohl eher "Justav". Wenn schon, denn schon.

Andererseits: Wenn einst die letzte schwangere Auster geschlossen, der letzte lange Lulatsch gekippt, die letzte Molle jezischt ist, dann werden wir feststellen, dass man die verbleibenden deutschen Vokabeln nicht mehr aussprechen kann. Rope Skipping? Extremdenking? Going west in der smoking community? So gesehen, ist Nano-Ede in seiner Erdverbundenheit fast schon rührend altmodisch. Er sollte allerdings nicht auch noch versuchen, das Berlinern zu lernen.

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