Matthies meint : Niederzimmern zwölf Punkte!

Der thüringische Ort Niederzimmern verkauft seine Schlaglöcher für 50 Euro. Ein zukunftsweisendes Konzept? Auch für Berlin? Bernd Matthies sieht bürokratische Hürden.

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Bernd Matthies
Bernd Matthies, Redakteur für besondere Aufgaben.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Über den Ort Niederzimmern müssen wir nicht allzu viel wissen. Er liegt zwischen Erfurt und Weimar und wurde im Jahr 876 n. Chr. zum ersten Mal erwähnt, zu einer Zeit also, als Berlin noch ein Sumpf mit Enten und Fröschen war. Dieser Vorsprung hat sich, kommunalpolitisch gesehen, bis heute erhalten, denn aus Niederzimmern kommt ein wegweisendes Konzept zur Haushaltssanierung: Der Ort verkauft seine Schlaglöcher für je 50 Euro.

111 Stück sind, wie gestern zu hören war, bereits weg. Wobei „weg“ nicht im Sinne von verschwunden zu verstehen ist, denn die Niederzimmerner Löcher eignen sich nicht zum Mitnehmen, sie werden auch auf Wunsch nicht als Geschenk verpackt. Wer braucht schon ein Loch? Vielmehr bleiben sie an Ort und Stelle und werden dort akkurat gefüllt; an den Käufer erinnert eine am Boden verschraubte Plakette.

Es handelt sich also im Grunde um das alte Parkbank-Modell – wenn Heinz und Elli Schmitz zehnmal in Bad Salzschlirf zu Besuch waren, stifteten sie dem Kurverein eine Bank und bekamen auch eine Plakette mit ihrem Namen draufgeschraubt. Das aber war Überfluss, während Niederzimmern pure Not zu lindern sucht. Wie sich jeder auf der Website des Orts überzeugen kann, sehen die Löcher alle gleich aus, sind groß und tief und tückisch. Die medientechnische Aufbereitung ist ebenfalls vorbildlich zu nennen. Der ortsansässige Metallbauer Michael Altmann hat die Gitarre zur Hand genommen und einen Schlagloch-Song angefertigt, der das Ziel der Aktion in größter Klarheit skizziert: „Oh Niederzimmern, deine Löcher sind leer, drum singen wir: Teer muss her.“

Es rumpelt ein wenig wie bei Gunter Gabriel, der Mann trifft die Töne, und deshalb wäre er eigentlich auch der richtige Kandidat für Oslo. Angesichts der Finanzkrise, das ist die Botschaft an den „European Song Contest“, kann es nicht um eitles Tanzen und Tirilieren gehen. Hoho, würden die anderen Länder sagen, diese Deutschen wissen wirklich, wie man Löcher anpackt, die nutzen jede noch so kleine Chance. Ausdruck des Respekts: Niederzimmern twelve points!

Nun ist Berlin nicht Niederzimmern, wir haben hier mehr Schlaglöcher als begüterte Bürger und würden für die Verwaltung der Aktion vermutlich erst einmal ein Landesamt mit Personalrat, Frauenbeauftragten und allen anderen Schikanen gründen. Es läge also näher, gleich die Haushaltslöcher selbst zu verkaufen, Stück für Stück. Wer spendet, wird im Amtsblatt lobend erwähnt. Als Begleitsänger wäre Gunter Gabriel ideal: Hey Boss, ich geb dir Geld.

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