Matthies meint : Sarrazins Abreißkalender

02.03.2010 00:00 UhrVon Bernd Matthies
Bernd Matthies Foto: Kai-Uwe Heinrich
Bernd Matthies, Redakteur für besondere Aufgaben. - Foto: Kai-Uwe Heinrich

Regelmäßig haut er Sachen heraus, die sich langsam zu einem Ratgeber für den einfachen Bürger verdichten: Ex-Senator Thilo Sarrazin. Aber Vorsicht: Vor unreflektierter Anwendung wird gewarnt.

Gibt es eigentlich noch diese Abreißkalender? Die uns jeden werdenden Tag mit der Weisheit eines Premium-Aphoristikers versüßen? Marie von Ebner-Eschenbach, Karl Kraus, Daniel Düsentrieb – wir brauchen sie und ihre Geistesblitze, um im Dschungel des Alltags ... Wenig Platz hier. Also, um es kurz zu machen: Im Abreißkalender des 22. Jahrhunderts wird auch Thilo Sarrazin seinen Platz gefunden haben, der Pionier im Steinbruch der alltäglichen Erkenntnis.

Woche für Woche schlägt er dort Sachen heraus, die sich langsam zu einem Ratgeber für den einfachen Bürger verdichten, jenen Zeitgenossen, der das Leben für eine Playstation hält und erbost reagiert, wenn der Staat ihm nicht regelmäßig eine neue kauft.

Sarrazin hält mit dem klaren, emotionslosen Blick des ehemaligen Finanzpolitikers dagegen und reduziert das Leben auf seinen Kern. Ohne Schnickschnack geht’s doch auch, und viel billiger!

Neueste Erkenntnis: „Kalt duschen ist doch eh viel gesünder. Ein Warmduscher ist noch nie weit gekommen im Leben.“ Die Bausteine dieser beiden Sätze sind reiner Sarrazin: Energie- und damit Kostenersparnis, aber hintergründig viel mehr: eine im freudschen Sinn sublimierte und somit in Energie umgewandelte Sinnlichkeit, die den Menschen zu Höherem befähigt; der Leib zittert, der Geist strebt voran. Praktisch hieße das zum Beispiel, dass ein Hartz-IV-Empfänger einerseits durchs Umstellen auf Kaltduschen Geld freisetzt, das er dann zur Gestaltung schönerer Bewerbungsmappen nutzt. Und andererseits, dass er durch den Verzicht auf vordergründige Weicheierei auch zum besseren Bewerber wird.

Zu warnen ist allerdings vor der unreflektierten Anwendung aller bekannten Sarrazinismen auf einmal. Denn er hat ja auch schon geraten, die Heizung auf 18 Grad herunterzudrehen und zum Ausgleich dicke Pullover anzuziehen. Das geht zwar auch, könnte aber in Kombination mit forciertem Kaltduschen durchaus zu Schnupfen, Lungenentzündung und Schlimmerem führen, massiven Karrierehindernissen also.

Was haben wir hier noch? „Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten.“ Ist von Freud. Könnte aber leicht auch ein neuer Sarrazin sein.

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