MAUER-GEDENKEN : „Berlin ist das Rom der Zeitgeschichte“

Herr Axel Klausmeier, Sie sind Direktor der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Überraschen Sie die massiven Proteste gegen den Abbruch von Teilen der East Side Gallery?

Nein. Das Bewusstsein hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Die East Side Gallery ist nicht nur für Touristen eine Attraktion, es ist das international berühmteste Denkmal Berlins. Wenn man in der Welt unterwegs ist, wird man nicht auf das Rote Rathaus und wenig auf das Brandenburger Tor angesprochen, sondern immer wieder und in erster Linie auf ’the wall’. Deshalb versteht jetzt keiner, was passiert. Zumal die Kunstwerke, die abgerissen werden, vor wenigen Jahren erneuert wurden.

Aber die Mauerteile werden doch nicht abgerissen, sondern nur verschoben.

Erstens handelt es sich hier um ein Denkmal und nicht um ein Freilichtmuseum. Und zweitens ist die East Side Gallery deshalb so stark, weil sie mit 1,3 Kilometern das längste Stück Mauer ist, das wir noch haben. Sie läuft durchgemetert über Straßen und Grundstücke, in dieser Ungebrochenheit. Das macht sie so stark. Wenn man dieses Gebiss jetzt durchlöchert, dann kann es eben nicht mehr zubeißen.

Sie sind also auch gegen eine Umgestaltung der East Side Gallery?

Auf jeden Fall. Wenn wir jetzt kurfristigen Interessen nachgeben, ist das Denkmal weg. Natürlich ist ein Investorendruck da. Und am Wasser in Friedrichshain handelt es sich um eine reizvolle, zentrale Lage. Aber man muss in längeren Zeiträumen denken.

Und wer ist schuld, Bezirk oder Senat?

Dass Handlungsdruck besteht, war wohl so nicht bekannt. Die Baugenehmigung stammt ja offenbar aus den 90er Jahren. Jetzt läuft die Frist ab. Wir hatten dieselbe Situation bei einem Mauerstück an der Bernauer Straße im Jahr 2004. Da konnten wir den Abriss noch stoppen. Heute ist jeder froh, dass wir 700 000 Besucher im Jahr melden können. Die East Side Gallery ist genauso ein Magnet. Die Besucher kommen nach Berlin gerade wegen der Zeitgeschichte, das unterscheidet uns von anderen Metropolen. Berlin ist das Rom der Zeitgeschichte. Insofern ist es fatal, wenn eines der Hauptdenkkmäler beschädigt und angegriffen wird.

Interview: Ralf Schönball

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