Mauerfall : Das Tor zur Freiheit

Es war Sinnbild für Siege, Kulisse für gespenstische Aufmärsche, ein Stück Eiserner Vorhang in Berlin. Am 9. November wurde es Symbol für die Einheit. Nun gehört es allen: der Deutschen liebstes Fotomotiv.

Lothar Heinke
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Die große Bühne. Für den Auftritt der Band U2 war das Brandenburger Tor diese Woche die ideale Kulisse. Eine Lightshow malte die...ddp

Das Tor ist eine unbezwingbare Festung. Eine Mauer aus Gittern und Ordnern sperrt es ab, niemand darf dieses Heiligtum anfassen oder durch die Säulen schlüpfen – Ausnahmezustand. Vor drei Tagen haben sie auf den gelben Sandstein bunte Bilder projiziert, Sterne und Streifen, auch das schöne Wort Freiheit. Gestern wurde die eine Bühne ab- und die neue aufgebaut, und am Montag wird das Brandenburger Tor zum Bühnenbild für Beethoven, Staatskapelle und Staatsgäste. Es geht nichts ohne das Tor. Das Tor ist Berlin, ist Deutschland. Ein Symbol – ja, wofür eigentlich?

Das erste bedeutende Werk des Berliner Klassizismus wurde von 1788 bis 1791 von Carl Gotthard Langhans auf Weisung seines Königs Friedrich Wilhelm II. gebaut. Die Propyläen der Akropolis in Athen waren künstlerisches Vorbild für den würdevollen Bau, der viel mehr war als ein Stadttor: Hier haben sie die geflügelte Siegesgöttin mit dem Eisernen Kreuz gen Osten in die Stadt hineinreiten lassen, Napoleon nahm die ganze Quadriga-Fuhre mit nach Paris, die Deutschen holten sie sich 1814 wieder („Retourkutsche“), und so wurde Victoria zu einer Art Siegermaskottchen, jedenfalls zogen sie hier in den Krieg oder feierten Adolf Hitler im gespenstischen Fackelschein. Als es nichts mehr zu feiern gab, wurde plötzlich das Tor zur Zielscheibe: Erst schossen die Deutschen auf die Quadriga, weil da oben schon die rote Fahne wehte, dann zielten die Rotarmisten auf das abgemagerte Tor – zwei Säulen drohten einzustürzen, insgesamt haben Fachleute 50 000 Einschusslöcher gezählt. Eines Tages war das Tor wieder schön, der Berliner flanierte hindurch, vorbei an dem Schild, das ihm sagte, dass er nun den sowjetischen Sektor verlässt.

Dann mauerten sie das Tor zu. Am 13. August 1961 fressen sich die Presslufthämmer in den Boden, Hohlblocksteine wachsen von Stunde zu Stunde, markieren einen Halbkreis vor dem Tor, die Bezirksgrenze von Mitte ist die Staatsgrenze der DDR, ein Stück Eiserner Vorhang mitten durch Berlin. Ganz schnell entlarvt sich die Ulbricht-Lüge, dass niemand die Absicht hat, eine Mauer zu errichten. Die Missgeburt aus Stahl und Stein wird 28 Jahre alt, und das Tor steht einsam da im Niemandsland – vom Westen durch eine dicke Mauer getrennt, vom Osten nur für Staatsgäste und Delegationen erreichbar. Von einer Aussichtsplattform dürfen sie in die „Frontstadt“ blicken, diesen „Pfahl im Fleisch der DDR“. Das Unerreichbare aber wurde zum Mysterium, es war da und es war doch nicht da: ein Symbol der Teilung. Die Bundespost und die Deutsche Post der DDR bedruckten damit ihre Briefmarken, auch Münzen, und Richard von Weizsäcker sagte den Satz: „Solange das Brandenburger Tor geschlossen ist, ist die deutsche Frage offen.“

Dann kommt dieser 9. November. Die Leute laufen wie aus dem Knast entlassen und stürmen „Wahnsinn!“ schreiend durch Grenzübergänge. Nur am Brandenburger Tor ist kein Übergang, dennoch kommen sie hierher, zögerlich und hoffend: Was wird sein? Vom Westen aus klettern sie auf die drei Meter breite Mauer, vom Osten überspringen sie die Gitter – und nun mobilisiert die Staatsmacht an diesem Symbol ihre letzten Kräfte. Stasi- und Grenztruppen bilden eine Kette am Tor, Wasserwerfer versuchen zu vertreiben, was sich nun nicht mehr vertreiben lässt: Auf der Mauer auf der Lauer warten sie auf bessere Zeiten.

Jetzt, in diesem Moment, wird das Symbol der Teilung zum Symbol der Einheit: Eine Filmkamera und ein Mikrofon erfassen die dramatische Szene, wie eine Frau aus der Ost-Berliner Linienstraße in einer Mischung aus Wut und Verzweiflung einem Oberstleutnant ins Gesicht schreit, dass sie nichts weiter möchte als einmal durch dieses Tor gehen und zurück. „Meine Söhne sind bei der Armee für diese DDR – ist das alles denn so schwer zu verstehen?“

Heute, 20 Jahre danach, sagt Bärbel Reinke: „Ich hatte Angst vor dieser Mauer aus Soldaten, mir sind einfach die Nerven durchgegangen.“ Wenn sie heute mit dem Fahrrad durchs Tor fährt, klopft ihr immer wieder das Herz und sie denkt an diese Szene, die als Dokument der Ohnmacht und des Aufbegehrens um die Welt ging. Der Grenzoffizier führte sie damals zum Tor und sagte freundlich: Hier ist doch gar kein Übergang oder wollen Sie auf diese Mauer klettern? So geht Bärbel Reinke in der Invalidenstraße über den weißen Strich und wird schließlich von einem Taxifahrer zum Ku’damm kutschiert.

Ab Anfang Dezember befindet sich das Tor im medialen Belagerungszustand, kein Sender möchte verpassen, wenn am symbolträchtigen Ort wahr wird, worum zwei Jahre zuvor Ronald Reagan gebeten hatte: „Mister Gorbatschow, open this gate!“ Am 22. Dezember dann schaut die Welt zu, wie sich hier alle in den Armen liegen. Seither ist das Stadttor Mittelpunkt des neu erbauten Pariser Platzes. „Hier war so gut wie nichts“, sagt die Stadtführerin, und keiner der Spanier, die ihr zuhören, mag es so recht glauben. Das Tor mit seinen sechs Säulen ist ein Ort großer Begierde: Jeden Tag spürt Karl-Heinz zur Weihen vom Senat die Begehrlichkeiten, das Tor für Werbezwecke, Filme oder Liebesszenen auf der Quadriga zu nutzen. Ein Künstler will eine Banane darüberspannen, ein anderer einen Regenbogen erzeugen. „Das Tor wirbt natürlich für Berlin“, sagt der Tor-Mann, aber er ist sparsam mit Genehmigungen für das Benutzen des Nationalsymbols. Das gute Stück ist Berlin nicht nur lieb, sondern auch teuer. Sein Versicherungswert beträgt 17 Millionen Euro.

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