Mauerfall : Die Spur der Steine

Mit Blumen, Prominenten und Windeln: Berlin feiert den 20. Jahrestag des Mauerfalls mit Veranstaltungen in der ganzen Stadt.

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Spreeufer, Friedrichshain.

Morgens um neun beginnen 500 Wissenschaftler aus der ganzen Welt, auf ihre Art des Mauerfalls zu gedenken. Die Einstein-Stiftung – eine Berliner Einrichtung zur Spitzenforschungsförderung – hat zu einer Konferenz ins Radialsystem geladen, einem alten umgebauten Pumpwerk zwischen Spree und Ostbahnhof. Grenznah war dieser Ort einst, das Gebäude war militärisches Sperrgebiet. Grenznah also ist auch die zentrale Frage der Konferenz: Welche Mauern fallen im 21. Jahrhundert? 28 Forscher werden sie im Laufe des Tages zu beantworten versuchen, sie werden Vorträge halten, nacheinander, über ihre Spezialgebiete. „Die Mauern des Fossilzeitalters einreißen“, „Die Mauern von teuren Impfstoffen einreißen“. Die Antike wird thematisiert, die Fettleibigkeit von Kindern, die Quantentechnik. Und ab und zu schimmert auch durch, was für ein besonderer Tag vor 20 Jahren war.

Bei Thomas Wiegand etwa: Er ist Kommunikationstechniker, und er erklärt, dass wir in 20 Jahren alle 3D-Fernsehen sehen werden. Am Schluss dann wird er leise und sagt: „Ich komme aus Ostdeutschland. Die Mauer fiel, als ich 19 war. Meine Eltern hatten damals einen Trabant und 4000 Ostmark. Das war alles. Ich bin sehr dankbar, dass ich heute hier stehen kann.“ Das Publikum schweigt – und applaudiert dann lange.

Gethsemanekirche, Prenzlauer Berg.

Am Montagvormittag, fünf Kilometer Luftlinie vom Tagungsort der Forscher entfernt, an der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg, brennen Kerzen. Seit dem Morgengrauen brennen sie, erinnern an die Friedensgebete, die hier vor 20 Jahren die DDR mit zum Einsturz brachten. Aus den sanierten Altbauten im Kiez schauen die Menschen hinunter auf ihre abgesperrten Straßen: Gleich wird die Politprominenz vorfahren zum ökumenischen Gottesdienst. An der Kirche hängt – wie schon vor 20 Jahren – das Plakat mit der Mahnung „Wachet und betet“. Besucher werden kontrolliert, sie müssen durch Sicherheitsschleusen wie am Flughafen. Autos der Anwohner wurden abgeschleppt, um für Übertragungswagen des Fernsehens Platz zu machen. Und die Stadtreinigung hat alle Mülleimer geputzt.

Um 9 Uhr 30 läuten die Glocken. In der Kirche hebt die Gemeinde an zum Chor. Vorne schütteln Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Horst Köhler staatsmännisch Hände, hinten geht’s prenzlauerbergig zu – in die letzte Reihe haben sich die Mütter des Kiezes mit ihren Kleinkindern gesetzt; eine hat sogar eine Großpackung Windeln dabei.

Während der Feier werden Fürbitten für die Opfer der Mauer und der Diktatur vorgetragen. Der Berliner Bischof Wolfgang Huber erinnert an die „Macht der Kerzen und Gebete“, aber auch an die Verhaftungen im Herbst 1989. Er warnt davor, „dem Unrecht des SED-Regimes den Mantel der Versöhnung umzuhängen“ und mahnt den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit vor allem in Ostdeutschland an. Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, erinnert an jene Teilungen, die es heute noch in den Köpfen gibt: „Es kam auch zusammen, was nicht sofort zusammen passte.“

Nach einer Stunde Singen und Beten verlassen Hunderte Menschen die Kirche, Merkel und Köhler durch den Hinterausgang. Die Mütter vom Kiez hieven ihre Kinderwagen vorn die Treppen herunter, manche entzünden noch Kerzen. Nur gegenüber der Kirche verkünden Plakate, die jemand in der Nacht zuvor geklebt hat, eine Botschaft des Eigensinns: „Wir sind ein Volk – und ihr ein anderes. Ostberlin, 9. November 2009.“

Bernauer Straße, Mitte/Wedding.

Wieder Hunderte Menschen, wieder andächtiges Lauschen, nur die Kirche fehlt. 1985 ist sie gesprengt worden, sie stand hier auf dem Mauerstreifen, sie störte die Effizienz des Grenzregimes der DDR. Sie hieß Versöhnungskirche, und mittlerweile befindet sich hier ein kleines, rundes Haus aus Lehm, die Kapelle der Versöhnung. An diesem Vormittag gibt es eine Andacht, die geladenen Gästen vorbehalten ist. Sie beten für die Opfer der deutschen Teilung, die Gebete werden nach draußen übertragen, über Lautsprecher. Viele der lauschenden Leute davor sprechen Englisch, hören aber trotzdem andächtig zu.

Nebenan, am letzten Streifen halbwegs authentisch gebliebener Mauer, das in Berlin noch steht, flanieren am Vormittag Tausende vorbei, manche legen Blumen ab. Vor der Mauer stehen Schüler; sie haben kleine Radios um den Hals, aus denen Steineklopfer zu hören sind. „Das sind Mauerspechte“, erklärt ein Junge, der hier tapfer schon seit einer Stunde steht, jedem Touristen. Und er weiß auch zu sagen, warum man die Mauerspechte in Berlin nur noch hören kann: „Wir wollen ja nichts von der letzten Mauer hier kaputtmachen.“

Auf der anderen Seite der einstmals geteilten Straße wird derweil ein neues Besucherzentrum eingeweiht. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit mahnt eine „aktive Gedenkarbeit“ zu beiden deutschen Diktaturen an, besonders an den Schulen. Gemeinsam mit seinem Amtsvorgänger von 1989, Walter Momper, entzündet er Kerzen für die Opfer. Momper trägt einen roten Schal wie damals 1989 und schwärmt noch einmal vom „Tag der Tage für mich“. Auf die Frage, ob dies der Schal von damals sei, antwortet Momper: „Nein, ich habe einen ziemlich hohen Verbrauch.“ Zwei bis drei Dutzend rote Schals habe er zu Hause im Schrank. „Der Urschal ist auch dabei, aber er ist schon ziemlich verschlissen.“

Nach der Feier zieht es viele Menschen noch in den Nordbahnhof. Dort betrachten sie eine Ausstellung über die Geisterbahnhöfe, die zu Mauerzeiten geschlossen waren. Unten fährt derweil die nächste S-Bahn ein: „Nach Wannsee bitte einsteigen.“ Früher war’s unmöglich.

Bösebrücke, Prenzlauer Berg/Wedding.

Als sie zur Brücke kommen, gibt es Sicherheitsmaßnahmen, auch hier also, und ein wenig ist es deshalb so wie damals, vor 20 Jahren, als sie genau hier gestanden haben und riefen: „Wir wollen rüber!“, „Wir kommen wieder!“

Sie, das sind Menschen, die auf Einladung des Bundespresseamts an einem Spaziergang über die Brücke an der Bornholmer Straße teilnehmen, einem Weg, den sie schon einmal gegangen sind, am 9. November 1989, über jenen ehemaligen Grenzübergang, der damals als erster geöffnet worden war. Es wiederholt sich der Durchmarsch der Ostbürger in die Freiheit zunächst als Kaffeekränzchen unter Blaulichtbeleuchtung. Und wie war denn eigentlich das Wetter damals gewesen? Da fängt die Uneinigkeit dann schon wieder an. Warm sei es gewesen, sagen die einen, nein, kalt!, die anderen. Und dass die Fernsehbilder von damals ja auch keinen Beweis liefern, denn es war dunkel, als es losging mit dem Mauerfall.

Mit den versammelten geschätzten 150 Zeitzeugen spazieren dann nach 15 Uhr 30 Michail Gorbatschow und Lech Walesa über die Brücke, die beiden ehemaligen politischen Größen des damals noch existierenden Ostblocks, die für sich in Anspruch nehmen können, die Wiedervereinigung erst möglich gemacht zu haben, und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Dabei sind auch Bürgerrechtler wie Joachim Gauck, Marianne Birthler, Rainer Eppelmann und Wolf Biermann, der mit seinen Liedern die Mauer durchlöcherte. Auf der Brücke drängen sich die Zuschauer, die immer wieder „Gorbi“ rufen, wie damals.

Merkel, so wird es später ein Fernsehmoderator sagen, habe in diesen Minuten so gelöst gewirkt wie nie. Sie selbst ist damals ebenfalls hier hinüber gegangen, nach einem Saunabesuch. „Wie immer donnerstags“, sagt sie in ihrer aktuellen Videobotschaft. „Anschließend“ habe sie „dann geschaut, was auf der Bornholmer Straße los war. Und dort war ersichtlich, dass bereits Tausende auf dem Weg waren, um über die Brücke in den Westteil der Stadt zu gehen. Ich habe mich diesem Zug von Menschen angeschlossen.“

Die Brücke heißt übrigens nur im Volksmund Bornholmer Brücke, in Wirklichkeit ist ihr Name: Bösebrücke. Aber nicht, was auch gepasst hätte, weil das, was an ihr geschah, so böse war. Sie heißt so seit dem 5. Juli 1948, nach dem 1944 hingerichteten NS-Widerstandskämpfer Wilhelm Böse. Die Bösebrücke war auch selbst ein Teilungsopfer: Während der überwiegende Teil des Stahlbaus zum Osten gehörte, gehörten die letzten 30 Meter zum Westen. Ein weißer Strich markierte damals die Grenze.

Alles längst vorbei, aber Montagnachmittag auf der Brücke wieder das beherrschende Thema. Und noch etwas erinnert an die Mauerzeiten: Der S-Bahn-Verkehr wird für die Zeit des offiziellen Spaziergangs eingestellt. Fast wie damals. Zwischen 1961 und 1989 nämlich hielten auf dem im Westteil gelegenen S-Bahnhof keine Züge. Die Station Bornholmer Straße war ein Geisterbahnhof, bis die Züge ab dem 22. Dezember 1990 hier wieder hielten.

Checkpoint Charlie, Kreuzberg/Mitte.

Der Souvenirladen „True Berlin“ startet ausgerechnet an diesem Tag seinen Ausverkauf. Eine Verkäuferin räumt T-Shirts mit dem Aufdruck „Berlin – Home of the Currywurst“ raus auf den Gehweg. Nur 9 Euro 90 statt bisher 29 Euro 90.

Auf der Kreuzung von Friedrichstraße und Zimmerstraße, direkt vor dem nachgebauten Kontrollpunkt der US-Alliierten, gibt es ständig Gehupe und alle drei Minuten einen Beinahe-Unfall. Zu viele Autos, Reisebusse und Touristen für die ampellose Kreuzung. Und mittendrin auch noch Fernsehleute aus Dänemark, Frankreich und Ostwestfalen, die das Leben an dem einst so toten Ort filmen.

Eine italienische Schülergruppe drängt sich erst um die unwirklichen Bilder auf einem Bauzaun, die den Ort mit Panzern und Straßensperren zeigen. Dann werden sie auf den Souvenirverkäufer aufmerksam, bei dem komplette Volkspolizisten-Outfits ebenso erhältlich sind wie Dienstmützen der russischen Schwarzmeerflotte, deren kyrillische Schriftzeichen westliche Besucher wohlig erschauern lassen. Der Verkäufer verlangt 25 Euro für eine Dienstmütze, bietet aber ersatzweise gleich ein Käppi der DDR-Kampfgruppen für zehn Euro an und senkt den Mützenpreis bereits nach dem ersten Stirnrunzeln auf 20 Euro. Mehr Umsatz als sonst mache er auch in diesen Tagen nicht, sagt der Verkäufer. Ein verblasster Stempel und die schlampige Verarbeitung weisen die Utensilien als realsozialistische Originale aus.

Vom Checkpoint Charlie ostwärts sind es keine 300 Meter zu dem Ort, an dem 1962 der Bauarbeiter Peter Fechter beim Fluchtversuch erschossen wurde. Der 18-Jährige verblutete vor den Augen einer entsetzten West-Berliner Menge. Der Niesel hat die Grablichter gelöscht und klebt die verwelkten Nelken auf den Asphalt vor der eisernen Gedenksäule. Niemand beachtet das Denkmal. Einem Paketboten kommt das von Pollern freigehaltene Stück am ansonsten zugeparkten Straßenrand gerade recht, seine Sackkarre in eines der neuen Gebäude zu rangieren. Auf der rostigen Säule steht: „… er wollte nur die Freiheit.“

Die Touristen von Checkpoint Charlie dagegen strömen eher westwärts. Vorbei am Eiscafé „Kalter Krieg“ in Richtung Potsdamer Platz. Hier hängen die Kameraarme für den symbolischen Fall einer Styropor-Mauer aus Dominosteinen am Abend bereit. Auf den Großbildschirmen wirbt ein Crashtest-Dummy für billige Autoversicherungen, der Bratwurstduft eines jeden Berliner Volksfestes liegt in der nasskalten Luft.

Gedränge herrscht hier am Vormittag noch nicht. Vor allem Schülergruppen sind entlang der symbolischen Mauer unterwegs, lachen über gemalte Umarmungen wie die von Sandmännchen und Maus oder die von Funk- und Fernsehturm. An der Scheidemannstraße, zwischen Reichstag und Brandenburger Tor, entdeckt ein Mädchen die weißen Gedenkkreuze, die hier immer hängen. „Ey, guckt mal“, ruft sie ihren Klassenkameraden zu, „da sind welche gestorben. Krass“.

East Side Gallery, Friedrichshain.

Es wimmelt von Touristen, Schulklassen, Fernsehteams. Und hier kommen Erinnerungen hoch. Eva-Maria, die ihren Nachnamen nicht sagen mag, ist 1956 aus Thüringen nach West-Berlin geflohen, erzählt sie. In den 70er Jahren besuchte sie alte Freunde in Ost-Berlin. Auf der Rückreise wurde sie im „Tränenpalast“ an der Friedrichstraße festgenommen – in ihrem Gepäck hatte man einen Brief gefunden, sagt sie, der als „Hilferuf“ interpretiert wurde. Zehn Monate lang saß Eva-Maria anschließend in der Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen. Zu ihrer sechsjährigen Tochter hatte sie während der gesamten Zeit keinen Kontakt. „Heute habe ich das verarbeitet“, sagt die Rentnerin, die sich freut, dass der Mauerfall-Tag so viele Touristen in die Stadt lockt. „Der 9. November ist emotionaler besetzt als der 3. Oktober“, findet sie.

Ein wenig später, ein paar Meter weiter. An seinem Bild, der „Hymne an die Freude“ am östlichen Ende der East Side Gallery, kann Fulvio Pinna heute nicht weiterarbeiten: „Zu nass“, sagt er. Pinna, 61 Jahre alt, lebt abwechselnd in Rom, Berlin und auf Sardinien. Seit September arbeitet er an der Renovierung seines Mauerbildes. „Das ist weltweite Werbung für mich.“ Nach Berlin kam Pinna zum ersten Mal 1987: „Ich habe sofort die Verbindung nach Ost-Berlin gesucht“, erzählt er. „Ich fand diese Mauer unmöglich und unglaublich und wollte was dagegen machen, mit dem Pinsel.“ Im September 1989 zeigte er in Rom eine Bronzestatue: Ein Mauerstück mit einer offenen Tür darin. „Die Leute haben gelacht über mich“, erinnert sich Pinna. Im Oktober 1989 dann wurde die Statue in einer Ausstellung in Berlin gezeigt. „Und am 9. Novemberabend habe ich die Skulptur genommen und bin damit zum Brandenburger Tor gefahren.“ Damals sei er von Journalisten aus vielen Ländern fotografiert und interviewt worden – wie heute wieder: „Einen fröhlichen 9. November!“, ruft Fulvio Pinna ihnen zu.

Rotes Rathaus, Mitte.

Am Hauptportal des Roten Rathauses hängt seit Montag ein Schild: „Sorry, no entry today. Closed event“. Die Veranstaltung, um die es geht, ist ein zweitägiges Treffen von Friedensnobelpreisträgern in Berlin. Denn es gebe, sagt drinnen im Rathaus Muhammad Yunus, Preisträger aus Bangladesch, in der Welt noch viele Mauern zu überwinden. „Zum Beispiel die Mauer der Armut.“ Er sitzt um 13 Uhr, gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, dem früheren sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow und der Stasi-Beauftragten Marianne Birthler im Saal 338 bei einer Pressekonferenz zum Auftakt der Mauerfall-Jahrestagsfeiern. Es wird eine Gorbatschow-Show.

Der Gast aus Moskau redet, nachdem er allen Berlinern gratulierte – „Sie haben Großartiges geleistet“, nach der ersten Frage eines bulgarischen Journalisten fast ununterbrochen, erzählt auch noch mal, wie er am 40. Jahrestag der DDR – am 7. Oktober 1989 – auf der Tribüne stand. „Mich fragte der polnische Amtskollege: „Verstehen Sie Deutsch?“ Gorbatschow sagte: „Genug um zu sehen, was hier passiert.“ Die großen Veränderungen habe er natürlich geahnt. „Wir haben damals die Berliner und deutsche Frage fast täglich diskutiert.“

Buckow, Neukölln.

Der eine, geboren 1944, ist ein Unternehmersohn, der Mühe hatte mit geregelter Arbeit und ab 1972 mit seiner Band City Rockstar wurde.

Der andere, geboren 1948, ist ein Schlossersohn, der mit 25 Jahren, 1973, als der eine gerade seine Band gegründet hatte, in die Partei eintrat und eine viel beachtete Karriere in Politikbetrieb und Verwaltungsapparat machte.

Die erste Biografie ist eine aus dem Osten, sie gehört Fritz Puppel. Die zweite eine aus dem Westen. Sie gehört Heinz Buschkowsky, dem SPD-Bürgermeister von Berlin-Neukölln.

Die beiden Männer, die fast gleich alt sind und so unterschiedliche Leben leben, treffen sich am Montag weit weg vom zentralen Mauerfalljubiläumsfestort in Mitte, sie treffen sich ganz im Süden Neuköllns, wo der eine, Puppel, aus dem Nachbarbezirk Treptow drei Jahre lang zur Schule ging, bevor die Mauer das unmöglich machte, und der andere den unverrückten Mittelpunkt seines Lebens hat.

Da, wo Buckow und der Landkreis Dahme-Spreewald aufeinander treffen, war auf Buschkowskys Idee hin noch einmal eine Mauer aufgestellt worden, die er nach ein paar Grußworten um kurz vor sieben Uhr abends einreißen wollte, gemeinsam mit Udo Haase, dem Bürgermeister der Gegenübergemeinde Schönefeld. Und dann waren zwei Stunden City angekündigt. City, Bratwurst und Bier.

City, das waren zwischen 1973 und 1989 sieben Langspielplatten, das waren Musikerbiografien, in denen Haftstrafen vorkamen, das waren geschmuggelte Verstärker, Texte am Rande des damals Machbaren und Tourneen, von denen eine 1978 drei Abende hintereinander in die West-Berliner Kant-Kinos führte.

„Wir hatten etwa zehn Minuten, um noch mal rauszurennen und in die umliegenden Geschäfte zu kucken“, erzählte Schlagzeuger Klaus Selmke später von der Zeit vor dem ersten Auftritt. „Das einzige,woran ich mich erinnere ist, dass ich damals nicht verstand, warum da zehn Schuhläden nebeneinander waren.“ Nach der Wende gab es von City weitere Platten, darunter mehrere Best-Of- Alben, und wenn sie heute unterwegs sind, dann oft im Rahmen von Ostrock-Events.

Buschkowsky wurde kurz nach der Wiedervereinigung zum ersten Mal Bürgermeister von Neukölln. Der Tagesspiegel nannte ihn einmal einen „Sozialdemokraten vom alten Schlag, wie man ihn heute nur noch selten findet“.

Und so dürfte über dem Mauerfall im Süden von Berlin auch ein Hauch von Wehmut wehen, weil in den vergangenen 20 Jahren nicht nur Schlechtes verloren ging.


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