Berlin : Mauerfotos: Die Mauer ist ins Netz gegangen

Stefan Jacobs

Die Bremsspuren sind als helle Streifen auf dem verdreckten Asphalt zu erkennen. Sie enden in der Mauer, als wäre das Auto unter ihr durchgetaucht. "Das war 1987 in der Stresemannstraße, wo ein 26-jähriger West-Berliner gegen die Mauer gerast ist. Aus Liebeskummer wollte er sich das Leben nehmen", erzählt Matthias Hoffmann. Stundenlang hätten sich die Alliierten mit den DDR-Grenzern darum gestritten, wer den Schwerverletzten bergen darf, denn die Mauer war an dieser Stelle ein paar Meter auf DDR-Gebiet zurückgesetzt.

Die Geschichte ist eine von fast 500, die der heute 33-jährige Hoffmann in Schwarz-Weiß-Fotos festgehalten hat. Zwischen 1984 und 1987 ist er immer wieder losgezogen, um den Alltag im Schatten der Mauer zu fotografieren. Jahrelang verstaubten die Bilder bei ihm zu Hause; seit gestern stehen sie unter www.mauerfotos.de im Internet.

Matthias Hoffmann war 15, als er sich für einen zweitägigen Sommerkurs der Volkshochschule anmeldete. Die Teilnehmer sollten sich künstlerisch mit der Mauer auseinander setzen - so gut das in zwei Tagen ging. Das Thema hat ihn nicht mehr losgelassen. Hoffmann schnappte sich seine Pentax und zog los. Er drehte nicht nur die üblichen Runden durch die Stadt, sondern graste auch Ecken wie Steinstücken und Rudow ab.

Immer wieder setzte er sich in die U-Bahn und pirschte sich dann zu Fuß an der Mauer entlang: "Ich wollte einmal rund um WestBerlin und dabei möglichst immer mit dem Finger an der Mauer entlang schrubben." Es sind nicht so viele Fotos, dass man sie lückenlos aneinander legen könnte. Aber immerhin etwa alle 300 Meter ein Bild. Getrieben habe ihn eher künstlerisches Interesse als Abenteuerlust. Manchmal hatte er Glück und fand nicht nur toten Beton. Sondern Kinder, die gegen die Mauer Fußball spielten und zwei markierte Segmente als Torpfosten nutzten. Oder Tomatenpflanzen, die dank der Mauer nicht ständig unter der prallen Sonne litten. Einmal kam Hoffmann nach Neukölln, als dort gerade die Mauer erneuert wurde und statt Beton nur ein zwei Meter hoher Metallzaun stand. Es ist Anfang April; die Bäume im Bildhintergrund sind noch kahl, links ist eine altmodische Planierraupe zu erkennen. Davor stehen bewaffnete DDR-Grenzer am Zaun. Ratlos und unfreundlich schauen sie durch die Maschen auf den Mann mit Dreiviertel-Glatze, der nichts als eine lange weiße Unterhose und enorm klobige Holzlatschen trägt. Der Mann ist ein betrunkener West-Berliner Kleingärtner, der eben noch trotzig am Zaun geschaufelt hat und nun von den Grenzern aufgefordert wird, "das Hoheitsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik zu verlassen". Anfangs hatte er noch Hose, Hemd und Hut an; warum er sich im Laufe des Disputes auszieht, bleibt rätselhaft. Am Himmel kreist inzwischen ein amerikanischer Hubschrauber. Schließlich kommt ein Westberliner Polizeiauto und nimmt den Mann mit; die DDR-Grenzer sind ihr Problem los. Ein Problem aus dem vergangenen Jahrhundert.

Natürlich ist das nicht alles auf dem Bild zu sehen. Aber es gibt eine kurze Geschichte zum Bild auf der Website. Es gibt zu jedem Bild eine Geschichte; es war eine Heidenarbeit, sie alle aufzuschreiben. Man merkt den Anekdoten die West-Berliner Perspektive an. Hoffmann ist sich dessen bewusst. Deshalb hat er unter jedes Bild die Einladung zum Mitmachen gestellt: "Schreiben Sie doch einfach Ihre kleine Geschichte auf", steht als Link auf der Seite. Die Bitte richte sich besonders an Leute, die den Alltag damals von der anderen Seite aus erlebt haben, sagt Hoffmann. "Kollektives Gedächtnis" nennt er sein Projekt.

Als die Mauer fiel, war er gerade zu einem Studienaufenthalt in Großbritannien. Eilig flog er nach Berlin, um das Unglaubliche mitzuerleben. Inzwischen hat der studierte Politikwissenschaftler eine Menge Ost-Erfahrung sammeln können. Denn seit zehn Jahren ist er mit Petra Müller zusammen. Er hat die Ostdeutsche auf einem Seminar des Roten Kreuzes kennen gelernt. "Was lag näher, als ihr meine Mauerfotos zu zeigen?", fragt Hoffmann. Im vorigen Jahr zu Weihnachten schenkte sie ihm die Website, damit alle etwas von den Bildern haben.

Demnächst will Hoffmann wieder mit seiner Kamera losziehen, um die alten Motive zu suchen. Er hat die Orte genau notiert. Nun muss er sie nur noch wiederfinden.

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