Berlin : Mauergedenken: Bürgerbeteiligung per Knopfdruck

Bei der Gedenkstätte Bernauer Straße reden die Berliner mit. Dabei hilft ein elektronisches Verfahren, das bereits am Ground Zero in New York erprobt wurde

Lars von Törne

Es war eine rekordverdächtige Veranstaltung, die gestern Abend im Mauerdokumentationszentrum an der Bernauer Straße stattfand. Unmittelbarer sind in Berlin wohl nur selten Bürger an einer politischen Entscheidung beteiligt worden. In dem Museum wurde die seit dem Sommer dieses Jahres im Internet und auf der Straße betriebene Meinungsfindung zur Erweiterung der Mauergedenkstätte mit dem fortgesetzt, was die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung als ein in Europa bisher einzigartiges Verfahren preist: der spontanen Bürgerbefragung per Knopfdruck.

„Keypads“ heißt das Stichwort. Das steht für die kleinen, an eine TV-Fernbedienung erinnernden Apparate, die den Besuchern der Bürgerversammlung gestern Abend in die Hände gedrückt wurden. Damit konnten die Anwohner und interessierten Berliner während der laufenden Präsentation zu möglichen Planungen an der Bernauer Straße ihre Meinung per Knopfdruck äußern. Das Ergebnis erschien sofort auf einer Leinwand. So wurde noch während der Debatte deutlich, dass etwa 40 der 60 Anwesenden dafür sind, den ehemaligen Mauerstreifen entlang der Bernauer Straße ganz frei von Bebauung zu halten. Die von drei Vierteln favorisierte Art des Gedenkens ist, lediglich die historischen Spuren der Mauer zu markieren. Und knapp die Hälfte sprach sich per Knopfdruck dafür aus, die historischen Relikte durch ein Programm zu ergänzen, bei dem Zeitzeugen ihre Erinnerungen vermitteln.

Die Ergebnisse der spontanen Abstimmung sollen nun, wie auch andere bislang gesammelte Meinungsäußerungen, als Empfehlung für die Planer festgehalten werden, sagte Hilmar von Lojewski von der Senatsverwaltung. Die Bürgerwünsche sollen Teil des Wettbewerbs werden, über den die Landesregierung das Konzept für das historische Areal in Kürze ausschreiben will. Das sei auch für die Verwaltung ein Experiment: Eine so frühzeitige und umfassende Bürgerbeteiligung habe es in Berlin noch nie gegeben. Sie wird jetzt fortgesetzt, indem Interessierte die Planung bis 13. Oktober in der Stadtentwicklungsverwaltung einsehen und kommentieren können (Informationen Tel. 9025-2087 oder -2075)

Vorbild des gestern präsentierten Keypad-Verfahrens ist die Suche nach einem Entwurf für die Gedenkstätte am Ort der New Yorker Terroranschläge vom 11. September 2001, dem Ground Zero, sagt Manuela Damianakis, Sprecherin von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Auch bei der allgemeinen Befragung setzte die Verwaltung neben Gesprächen bei mehreren öffentlichen „Mauerstreifzügen“ auf moderne Technik. So wurde ein Teil der Meinungsfindung über die Internetseite www.berlin.de/mauerdialog organisiert, wo Interessierte Kommentare abgeben konnten. Insgesamt 9000 Menschen haben die Seiten bisher angeklickt.

Die Erweiterung der Gedenkstätte an der Bernauer Straße ist Teil des kürzlich vom Senat beschlossenen Mauerkonzeptes. Danach sollen die in Berlin erhaltenen Überreste der deutschen Teilung bis 2011 besser verbunden und informativer präsentiert werden. An der Bernauer Straße ist unter anderem vorgesehen, dass bestehende Mauerreste durch zusätzliche Informationen ergänzt werden.

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