Berlin : Max-Dieter Hardtke (Geb. 1944)

Das Leben sollte genossen werden, so lange es warm ist.

Anne Jelena Schulte

Endlich ein anderer Berliner!, freute sich Karl-Heinz, Schüler eines Internats in Bad Sachsa. Max-Dieter hieß der Neue. Neben dem Geburtsort und dem Doppelnamen stellten die beiden bald noch eine andere Gemeinsamkeit fest: unstillbaren Hunger. Den größten Teil ihres Taschengeldes ließen die Freunde bei „Opa Fricke“, einem Bratwurst-Stand.

Und wie lief ihnen das Wasser im Mund zusammen, wenn der Postbote ein Paket von Max-Dieters Eltern brachte! Leberwurst, Blutwurst und Räucherspeck zogen sie daraus hervor. Muss noch gesagt werden, wie fein gewürzt, wie erstklassig das Fleisch war? Stand doch Hardtke auf dem Absender, Max Hardtke, der Fleischermeister und Restaurantbetreiber, das Eisbeingenie, heiß empfohlen von Marlene Dietrich, Willy Brandt und anderen Weitgereisten, die die deutsche Küche und das Berliner Personal liebten.

Mit einer Einladung ins Restaurant „Hardtke“ in der Meinekestraße begann denn auch so mancher erste Ferientag in der Heimatstadt, und Karl-Heinz schaute sich jedes Mal ehrfürchtig um. In diesem Schlaraffenland also war sein Freund groß geworden.

Da waren die prallen Würste im Schaufenster, der nette Oberkellner und die treuen Buffetdamen Trautchen und Meta. Die beiden hatten Max-Dieter schon als Baby auf ihren starken Armen geschaukelt und ihm später eine Kiste hinter den kupfernen Tresen geschoben, auf dass er sich im Bierzapfen übe.

Sehr lange blieb Max-Dieter nicht auf dem Internat. Nicht Zahlen und Wörter wollte er kombinieren, sondern Gewürze, und so ging er zurück nach Berlin, um im „Hotel am Zoo“ eine Koch-Lehre zu machen. Anschließend schob er einen Rollwagen mit Kaffee und Schnaps durch die Gassen des Fleischgroßmarktes, wo er die Kantine „Weißes Ferkel“ betrieb. Er schaute zu, wie die Gesellen mit Tieraugen Fußball spielten und lernte Sprüche, die ihn besser durchs Leben brachten als jedes Diplom es vermocht hätte.

Erst, als Karl-Heinz Banker geworden war, in der Meinekestraße arbeitete und ins „Hardtke“ zum Mittagessen kam, sahen die alten Freunde sich wieder öfter. Max-Dieter war jetzt Teilhaber des elterlichen „Fress- und Bierlokals“, wie er es nannte. Er war zu einem großen – und unerklärlicherweise schlanken Mann herangewachsen, der gerne bunte Krawatten und teure Anzüge trug. Er fuhr einen Rolls-Royce, übte sich im Springreiten, war verheiratet mit einem Mannequin und Vater zweier Töchter. Das Leben sollte genossen werden, so lange es warm ist, so sah es der Gastronom.

Und eröffnete in der Hubertusallee in Grunewald ein zweites „Hardtke“, in das er eine Millionen Mark investierte. Auch dieser Laden brummte, warf Geld ab, das Max-Dieter nicht hortete, sondern von dem er den Töchtern Tauch- und Skiurlaube, Pferde, später dann Autos spendierte und von dem er auch die 37 Angestellten großzügig bezahlte.

So gerne Max-Dieter Hardtke das Leben genoss, und so hoch die Sprünge auch waren, die er auf seinen Pferden vollführte, so diszipliniert stand er Morgen für Morgen um vier Uhr auf und fuhr in seine Fleischerei. Dort stellte er nach den Rezepten des Vaters die Wurstwaren her, die er in den Restaurants verkaufte. Nach dem Tod des Vaters übernahm er das „Hardtke“ ganz.

Welchen Fehler hat er gemacht? Hat er überhaupt einen gemacht? Ende der neunziger Jahre wurde das Haus in der Meinekestrasse zwangsversteigert und Max- Dieter Hardtke aufgefordert, ab sofort den doppelten Mietpreis zu zahlen: 50 000 Mark pro Monat für 300 Quadratmeter. Rein geschäftlich gedacht, hätte er ganz einfach ausziehen sollen. Neue Räume suchen. Er aber blieb.

Das Büro im Hinterhaus sah immer noch genauso aus, wie es sein Vater einst eingerichtet hatte: schwere Samtvorhänge, riesige Tische mit geschnitzten Füßen. „Wenn das hier alles stirbt, dann stirbt auch mein Vater noch einmal“, sagte er.

Sein Vater. Den hatte er doch erst richtig lieben gelernt, seit er in dem Lokal mitarbeitete. Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft war der Vater zu sehr mit sich selbst und mit dem Aufbau einer eigenen Existenz beschäftigt gewesen, um sich um den Sohn kümmern zu können. Weil auch die Mutter viel arbeitete, war Max-Dieter bei Freundinnen der Eltern herumgereicht worden und kurzzeitig auch in einem Kinderheim gewesen. „Hardtke“, so wie es war, stand für seinen Vater.

Max-Dieter Hardtke blieb. Er blieb, bis das Landgericht ihn zur Räumung und zur Zahlung von einer halben Million Mark an den Hauseigentümer verurteilte. Auch das andere Lokal wurde geschlossen.

Karl-Heinz traf sich oft mit seinem alten Freund und beobachtete, wie der einst so Hungrige sich veränderte. Wie die Traurigkeit ihn mit sich fortzureißen drohte. An guten Tagen sprach Max-Dieter davon, noch einmal ein Restaurant zu eröffnen, zusammen mit seiner neuen Lebenspartnerin. Es kam nicht mehr dazu. Seinen letzten Urlaub auf Mallorca musste er abbrechen, weil der Krebs, der gerade für besiegt erklärt worden war, ihn wieder eingeholt hatte.

In diesem Jahr hätten Karl-Heinz und Max-Dieter das fünfzigste Jubiläum ihrer Freundschaft gefeiert. Bei Currywurst und Schampus, versteht sich. Anne Jelena Schulte

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