Berlin : Max-Moshe Jacoby (Geb. 1919)

Wer war Täter, wer Opfer? Er fand kein Unterscheidungsmerkmal.

Stephan Reisner

Er war ein guter Schwimmer in seiner Jugend. Aber gegen die Hetzwelle, die sein Land erfasste, blieb er chancenlos. Man verbot ihm den Besuch des Schwimmbads, dann musste er im Sportunterricht gegen einen übermächtigen Box-Gegner antreten. Vor den Augen der Mitschüler wurde er zusammengeschlagen. Keiner sagte etwas, alle blieben stumm.

Bald durfte er gar nicht mehr aufs Gymnasium gehen. Sein Vater, ein mit Ehrenmedaillen ausgezeichneter Offizier des Ersten Weltkriegs, erlebte die neuen Gesetze nicht mehr. Er starb an den Spätfolgen einer französischen Giftgasgranate, die ihm die Lungen verätzt hatte. Max Jacoby war fünf Jahre alt, als man ihn begrub.

In Koblenz besaßen die Jacobys ein Kaufhaus. Doch Tag für Tag wurde das Leben unleidlicher: Steinwürfe, Schmähungen, Boykottaufrufe. Eines Abends saßen fremde Leute auf ihren Abonnement-Plätzen im Theater. Max Jacoby kam zu Verwandten nach Berlin; die Anonymität dort sollte ihn schützen. Umsonst: Ein Mitschüler warnte ihn: „Mensch, Max, hau ab, heute noch! Morgen kommt die Gestapo in die Schule und holt alle ab!“ Und er gab ihm den rettenden Tipp: die Argentische Botschaft.

In der Silvesternacht 1937/38 kam Max Jacoby an. Er stand an der Reling des Schiffes und sah Feuerwerksblumen über dem Hafen von Buenos Aires. Doch sein teuer erkauftes Visum war ungültig. Minderjährigen war die Einreise ohne erwachsene Begleitperson nicht erlaubt. Erst als eine jüdische Dame für ihn bürgte, kam er aus der Untersuchungshaft frei.

Wie gern wäre er nach New York oder Hollywood emigriert, aber die USA nahmen keine Flüchtlinge mehr auf. So zog er als „Treppenterrier“ mit einer Kiste Krawatten und Pralinen von Tür zu Tür. Am Abend war der Hunger so groß, dass er die nicht verkauften Pralinen einfach aufaß. Eine Kamera-Assistenz bei George Friedmann, einem ungarischen Fotografen, brachte ihm endlich Glück. Friedmann erkannte Max Jacobys Talent und förderte es. Mit anderen Emigranten bildeten sie die Künstlergruppe „La Carpeta de los Diez“. Ihre Arbeiten prägten die moderne südamerikanische Fotografie.

Niemals wollte Max zurück. Die Mutter war mit dem Bruder nachgekommen und bald an Gram gestorben. Viele Verwandte waren in den Vernichtungslagern ermordet worden. Doch als die bundesdeutsche Botschaft ihn 1957 einlud, wagte er den Sprung. Er kam nach Berlin und fragte sich: Wer von den Menschen hier war Täter, wer Mitläufer, wer Opfer? Er sah in die Gesichter und fand kein Unterscheidungsmerkmal. Allein die Kamera verschaffte ihm Sicherheit. Hilla, eine Schauspielerin und Regisseurin, die er in Berlin kennenlernte, half ihm, sich den Deutschen wieder zu nähern. Sie wurde seine Frau und Ratgeberin.

Seine Erfolge als Fotograf ließen ihn nicht vergessen, was er erlebt hatte. Er porträtierte Arbeiter und Künstler, Bettler und Kunstmäzene, er fotografierte das Leben in der geteilten Stadt, aber er fand keine Ruhe. Es fehlte etwas. Es dauerte unzählige Abzüge, hunderte Publikationen und mehrere Auszeichnungen, bis er es fand. Noch einmal kehrte sich sein Leben. Aus dem Fotografen Max Jacoby wurde Max-Moshe Jacoby. Seine Depressionen verflogen, das chronische Rückenleiden ebenso – alles in dem Jahr 1978, als er drei jüdisch-christlichen Glaubensrednern aus den USA begegnete, die ihm von der Liebe Gottes erzählten. Im Glauben an Jesus fand Max-Moshe Jacoby zu sich selbst.

Die Bezeichnung Christ mochte er nicht, er nannte sich einen messianischen Juden. In seinen Erinnerungen schrieb er: „Ich ging in der Kunst der Fotografie ganz auf und fand darin meinen großen Götzen. Ich verdiente relativ leicht Geld und führte ein leichtsinniges Leben. Mich interessierte nur Weltliches und Äußerliches. Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, kann ich den „früheren Max“ überhaupt nicht mehr verstehen. Ich habe das Gefühl, dass er und ich zwei völlig verschiedene Personen sind.“

Der Fotografie blieb er treu. Die Stadt Koblenz würdigte ihn 1987 mit dem Kulturpreis der Stadt. In den Feuilletons blieb sein Tod unerwähnt. Stephan Reisner

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