Berlin : Max und Erwin Fabian: Der Sturzflug des Ikarus

Andreas Conrad

Kommt man der Sonne zu nahe, schmelzen selbst metallene Flügel wie Wachs. Noch reckt sich die eine Schwinge stolz zum Himmel, die andere aber biegt sich kraftlos zur Erde. Dies durchaus mit Eleganz, wie ohnehin der ganze "Icarus" den Eindruck des Kostbaren, dabei fast Schwerlosen vermittelt, als sei es aus wer weiß was für erlesenem Material und nicht nur aus Eisen.

Genaugenommen aus Edelstahl-Schrott. Tritt man näher, entpuppt sich der eine Flügel als eine Art Lüftungsrost, der andere als der Rest eines Stahlblechs, das durch eine Stanze geschoben wurde. Im Falle des "Icarus" musste der in Melbourne lebende Bildhauer Erwin Fabian nicht lange nach einem Titel suchen. Ansonsten ist das mit den Namen für seine Werke so eine Sache. Sie finden sich erst hinterher, werden assoziierend ersonnen, stellen also kein Thema dar, das ausgearbeitet wird, und bezeichnen erst recht nichts, das das Kunstwerk nachzuahmen unternimmt.

Wie ganz anders hatte da Erwins Fabians Vater Max damals in Berlin gearbeitet. Ein heute fast vergessener Maler des Berliner Impressionismus, im Zusammenhang zu sehen mit Künstlern wie Max Liebermann, vergleichbar in seiner Modernität und ohne weiteres als Mitglied der Berliner Secession denkbar, obwohl Fabian ihr nie beitrat. Ein ganz ohne Zweifel zu Unrecht vergessener Künstler, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft während der NS-Herrschaft in der Erinnerung gründlich ausgelöscht wurde. Gerade mal 111 Werke überlebten. Es ist so gesehen ein vom Stadtmuseum gut gewählter Zeitpunkt, ausgerechnet zum 9. November eine Ausstellung über Max Fabian in Berlin zu eröffnen, dazu im Ephraim-Palais, das schon durch seinen Namen für die jahrhundertealte jüdische Kultur in Berlin steht.

Lange hat es gedauert, bis diese Ausstellung Wirklichkeit wurde. Erwin Fabian war mit diesem Vorschlag noch an das alte Berlin-Museum herangetreten, hatte dabei, bescheiden wie er ist, nie an eine Doppelausstellung von Vater und Sohn gedacht, wie sie jetzt aufgrund der Unterstützung durch die Lotto-Stiftung möglich wurde. An den begrenzten Mitteln war die Fabian-Ausstellung stets gescheitert, dass sie jetzt doch zustande kam, ist um so mehr zu begrüßen, als es bislang nur eine Einzelausstellung Max Fabians in seiner Heimatstadt Berlin gegeben hat. Sie wurde 1936 im Jüdischen Museum an der Oranienburger Straße gezeigt, zum zehnten Todestag des Künstlers.

Dabei war Max Fabians Werk mit Berlin aufs Innigste verknüpft, das zeigen schon die beiden Werke, die das Stadtmuseum anlässlich der Ausstellung vom Sohn und seiner in London lebenden Schwester Liselotte geschenkt erhielt: "Vor dem Anhalter Bahnhof", eine Kreidezeichnung von 1926, und "Blick auf den Lützowplatz", ein Ölgemälde aus dem selben Jahr. Am Lützowplatz lag die Wohnung des Malers, dort ist er auch gestorben, möglicherweise wegen der Aufregung um eine - ebenfalls gezeigte - Radierung mit einem "Judenkopf". Fabian, so erinnert sich sein Sohn, habe geglaubt, die Platte sei verätzt, und sich sehr darüber aufgeregt.

Sein Vater, der an der Berliner Hochschule für die bildenden Künste unter anderem bei Franz Skarbina studiert hatte, war ähnlich wie sein Zeitgenosse Jakob Steinhardt durch den Ersten Weltkrieg mit dem Ostjudentum in Kontakt gekommen, was sich jeweils im Werk spiegelte, allerdings spielten bei Fabian Glauben und Religiosität nie die Rolle wie bei Steinhardt. Über die Genremalerie hatte er zu seinem eigentlichen Thema gefunden: die Welt der Arbeit, das Leben der Berliner Arbeiter und Kleinbürger.

Von all dem sind nur Bruchstücke erhalten geblieben, kleinere Arbeiten, Graphiken, Skizzen. Zwar gelang es seiner Witwe bei der Emigration, den Nachlass nach London mitzunehmen, die in einem Lagerhaus untergestellten großen Werke wurden jedoch bei einem Bombenangriff 1940/41 vernichtet. Zu dieser Zeit dürfte sein Sohn Erwin schon in Australien gewesen sein. Wie seine Mutter und die beiden Schwestern war er nach England emigriert, bei Kriegsausbruch wurde er aber als "enemy alien" interniert und 1940 nach Australien zwangsverlagert.

Zwei Jahre später trat er in die australische Armee ein, arbeitete für ein Armeemagazin als Gebrauchsgraphiker. Kenntnisse hatte er sich weitgehend autodidaktisch erworben, eine künstlerische Ausbildung in Berlin war 1933 unmöglich geworden. Auch zur Metallbildhauerei, seit den sechziger Jahren Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens, hat er weitgehend ohne Anleitung gefunden. "Chillida, Caro oder Serra, die gelegentlich als mögliche Vorbilder durchscheinen, hat er erst sehr viel später bewusst wahrgenommen", schreibt Dominik Bartmann, im Stadtmuseum verantwortlich für die Bildende Kunst.

So bietet die Ausstellung gleich zweifach die Möglichkeit einer Entdeckung: das fast verlorene Berliner Werk Max Fabians und das in Australien hochgeschätzte, in Berlin noch unbekannte, hier aber doch, so oder so, wurzelnde Werk seines Sohnes Erwin.

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