Mediaspree : Angekündigter Protest fällt aus

Die Sozialdemokratien diskutieren im Radialsystem an der Holzmarktstraße über moderne Metropolenpolitik. Linke Gruppen hingegen fühlten sich von dem Treffen provoziert, das mitten im sogenannten "Media-Spree-Gebiet" liegt.

Tanja Buntrock

Feiern sollte sich die SPD am Freitagabend bei ihrem Kongress „Heimat Metropole“ eigentlich nicht – zumindest wollte ein linkes Bündnis aus mehr als einem Dutzend Gruppen das verhindern. Mindestens 200 Teilnehmer unter der Führung der „AG SpreepiratInnen“ wollten vor dem Radialsystem V an der Holzmarktstraße in Friedrichshain demonstrieren. Dort begann um 18 Uhr die Veranstaltung mit Rednern wie Klaus Wowereit, Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering. Die Polizei sah die Sicherheit gefährdet und erließ Auflagen für die Demo. Doch kurz vor Beginn der Veranstaltung waren nur zwei Dutzend Demonstranten in Sicht.

So wenig die Mediaspree-Gegner die Sozialdemokraten mit ihrer Politik erreichten, so wenig gingen diese auf Stadtumbau und Gentrifizierung ein. In der SPD sehen sie die Metropolen vor allem als großen Wählerpool. Selbstdarstellung war an diesem Abend an diesem Ort angesagt, Wählermobilisierung in soziologischen Heimatgefilden. Klaus Wowereit ist längst in Wahlkampfstimmung, einen Abend wie diesen absolviert er mit Grandezza. Nicht umsonst hatte Wowereit ein Jahr lang die Metropolenkommission des Parteivorstands geleitet - längst hat dieser Großstadtpolitiker alle Begriffe drauf, mit denen man vermittelt, dass man politisch ganz vorne ist.

Die Bildung, die umsonst sein soll, die Schulen als „Zentren von Entwicklung“, dazu da, um „Defizite aus dem Elternhaus auszugleichen“, die Willkommensagenturen für Zuwanderer und, schließlich endet gerade die Fashion-Week, die „Kreativindustrie“ – Wowereit mit seiner Fähigkeit, den Leuten einen freundlichen Führungsstil zu vermitteln, sprach praktisch jeden an, der sich in Berlin wohlfühlen möchte.

Weiter in die Polit-Details ging der Regierende nicht an diesem Abend. Wie 160 000 Kreativwirtschaftende aus teils prekären Verhältnissen herauskommen? Dazu wurde Tim Renner von Motor Entertainment auf die Bühne gebeten. Der Mann ist der Inbegriff des erfolgreichen Kreativwirtschaftlers. Zum Erfolg, etwa der Etablierung eines Radiosenders wie Motor FM, kommt bei Renner eine Faszination vom Politischen: Er steht auf der Bühne neben Wowereit, der Regierende im grauen Anzug mit weißem Hemd, der andere im grauen Anzug mit gelbem T-Shirt, und moderiert schon mal den „Kreativ-Pakt“ an, den Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier später vorstellen wird. Es läuft, als werde hier ein Wahlkampf-Talk geprobt: Der eine lobt die Kreativ-Industrie, der andere (der aus der Kreativindustrie) spricht über politische Konzepte, die später erklärt werden – und die Moderatorin zwischendrin, die gut aussehende Mo Asumang, sagt über Wowereit: „Dieser Mann hat schon so viel angestoßen – dafür muss es jetzt einen Applaus geben.“

Dann wird es dunkel – jedenfalls politisch. Denn Metropolen haben düstere Seiten. Auf die Bühne steigen nun ein paar junge Männer mit Migrationshintergrund. Sie treten unter dem Namen „Gangway Beatz“ als Rapper an und transportieren im Sprechgesang die These, dass man mit der Devise „Leb’ legal“ in diesem Land ankommen und etwas verändern kann. Nun kommt auch mit Franz Müntefering der zweite Prominente auf die Bühne und sagt auf die kernig-knappe Art, die zu seinem kommunikativen Markenzeichen geworden ist, er höre keinen Rap, doch die „Gangway Beatz“ forderten Liberalität für alle, und deshalb sei er froh, „diese Burschen“ kennenzulernen.

Die Metropole – das ist für Münte wie für Wowi der Ort, an dem man sich selbst verwirklicht und SPD wählt. Kanzlerkandidat Steinmeier kam später noch mal auf die Kreativwirtschaft und kündigte an, er werde sich über deren Sozialversicherung „Gedanken machen“. tabu/wvb.

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