Medienmetropole : Von großem Optimismus und halbleeren Studios

Am Montag wird im Berliner Medienausschuss über die Zukunft des alten DDR-Rundfunkgeländes Nalepastraße getagt. Bei der Sitzung ist eine Mischung aus Zwangsoptimismus und Kritik angesagt.

Berlin - Denn der Verkauf im Herbst 2005 war so obskur, dass er nun ein juristisches Nachspiel hat. Die Versteigerung vor drei Wochen musste gar wiederholt werden. Insgesamt 13 Jahre lang wurde man die Fläche nicht los. Andererseits will man dem Standort an der Oberspree eine Zukunft garantieren. Und das, obwohl Berlin voll ist von halbleeren Medienzentren.

Sogar das Selbstbild Medienhauptstadt ist nach Ansicht des Dresdner Wissenschaftlers Lutz M. Hagen nicht wirklich gerechtfertigt. Köln, München oder Hamburg kämen dafür schon eher in Frage. Der Professor am Institut für Kommunikationswissenschaften der TU Dresden billigt Berlin «allerdings eine Rolle als Zeitungs-, Nachrichten- und Radiohauptstadt» zu. Für das 1951 bis 1956 errichtete Funkareal Nalepastraße in einem brachen Köpenicker Industriebezirk ist also zu klären: Besitzt etwas Zukunft, nur weil es Vergangenheit hat?

Beispiele gibt es. Schon wenige Kilometer Luftlinie entfernt steht «Adlershof, der bedeutendste Medienstandort Berlins», wie Entwickler Peter Strunk sagt. Dieses 1952 eingeweihte Fernsehzentrum der DDR mausert sich wieder. Hier entsteht nicht nur «Verliebt in Berlin», hier sitzt auch das MDR-Fernsehballett, die Sandmännchen GmbH, haben Technikverleiher wie ARRI, Toningenieure und Synchronspezialisten ihre Ateliers. «Bis Herbst 2007 bauen wir für acht Millionen Euro eine neue Produktionshalle», sagt Peter Brüggemann, Kopf des Kulissenbauers ideea.

Andauernde Suche nach Nutzern

Eine Renaissance erlebt auch der stadtmittig gelegene Hausvogteiplatz. Einst Zentrale jüdischer Textilhändler, siedelt hier nun die ProSiebenSat1 Media AG mit N 24 und Kabel 1. Nebenan sitzen der Leo-Baeck-Bookshop, der Mosse-Verlag, die «Jüdische Illustrierte» und die «Jüdische Allgemeine». Wenige Querstraßen entfernt findet sich das Springer-Hochhaus. In der 2004 fertig gestellten Axel-Springer-Passage residieren «Superillu», «FF-dabei» und «Guter Rat» aus dem Hause Burda. Nebenan befindet sich der Gong-Verlag. Trotzdem gibt es noch Tausende Quadratmeter freie Flächen. Andauernde Ostkonkurrenz ist das Haus der Presse am Alexanderplatz, unter anderem mit der «Berliner Zeitung».

Auch die traditionsreichen Filmzentren suchen dauernd potente Nutzer. Dazu gehören die Tempelhofer Ufa-Studios. Dort produziert heute unter anderem das ZDF. Ein Jahr vor Tempelhof, im Jahr 1912, wuchs die große Schwester Babelsberg aus dem märkischen Boden. Trotz reger Nutzung durch RBB, Filmhochschule, Trick-Center, Filmpark, Rundfunkarchiv und erweiterter Studios sind hier neue Macher dringend willkommen.

Mitbewerber sitzen mit den CCC-Studios in Spandau. Aus Artur Brauners Hallen kommt die RTL-Serie im «Namen des Gesetzes», das ZDF filmt gerade «Dauerdienst». Ein Studio steht leer. Seiner Wiederbelebung harrt das historische Synchronstudio Johannisthal. Seit der Kirch-Pleite 2004 wird hier nicht mehr synchronisiert, aber nach wie vor stünden Spezialräume dafür zur Verfügung, sagt Verwalter Gerhard Englert.

Ausbau attraktiver Standorte

Attraktiver gelegen sind Standorte wie der Osthafen. Universal sitzt hier seit 2002, MTV seit 2004. Der Studiobetreiber A-Medialynx mittendrin. «Bis Juli 2007 entsteht ein neues Verwaltungsgebäude für MTV», sagt Hafenchef Peter Stäblein. Noch mehr Flächen? Kein Problem.

Und nun noch die Nalepastraße flussabwärts. «Das wird eine Medienstadt», sagt Klaus-Peter Beyer, Intendant des hier ansässigen Deutschen Filmorchesters Babelsberg. «Sie ist nicht nur als Motivpark für Film ausbaufähig. Auch der Sendesaal 1 mit seiner unübertroffenen Akustik sollte für alle Berliner Klangkörper Treffpunkt sein.» Orchesterhaus nennt er die Idee.

Der benachbarte Büroturm könne Appartements für Medienmenschen bieten. Weiter stellt er sich ein Campusgelände für die musischen Schulen Berlins vor. Volker Heinz, Anwalt des neuen Eigentümers Keshet aus Holland, ist nüchterner: «Der Wille für ein Medienzentrum ist da. Existiert aber keine Nachfrage, schauen wir nach anderen Mietergruppen.»

(Von Torsten Hilscher, ddp)

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