Medikamente : "Frauen leben gefährlicher"

Arzneien wirken oft geschlechtsabhängig, dosiert werden sie aber für Männer

Frau Regitz-Zagrosek, werden Frauen anders krank als Männer?

Ja. Das hat zum einen anatomische Gründe. Männer sind größer, haben einen geringeren Körperfettgehalt und eine andere Muskulatur. Aber auch die hormonellen Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind sehr groß. Frauen haben beispielsweise eine andere Grundausstattung mit Eiweißen, die körperfremde Stoffe umbauen. Das hat auch Folgen für die Wirkung von Medikamenten. Aspirin beispielsweise schützt Frauen vor Schlaganfällen und Männer vor Herzinfarkt – aber nicht umgekehrt. Frauen werden also nicht nur anders krank, sie brauchen auch eine andere Behandlung.

Wo zeigt sich das am deutlichsten?

Es gibt Arztkollegen, die immer noch staunen, wenn sie hören, dass wichtige Herzkreislaufmedikamente bei Frauen eine höhere Sterblichkeitsfolge hatten, oder dass bestimmte Gerinnungshemmer bei Frauen häufiger Blutungskomplikation verursachen. Allgemein wirken sich Stoffwechselstörungen und Blutzuckerkrankheiten bei Frauen wesentlich ungünstiger aus. Diabetes etwa sorgt bei Frauen dafür, dass sich ihr Risiko, an Herz-Kreislauferkrankungen zu leiden, erhöht. Durch die Zuckerkrankheit verlieren sie ihren natürliche Schutzmechanismus. Frauen leiden darüber hinaus häufiger an Depressionen als Männern. Wir wissen allerdings noch nicht warum. Denn obwohl das Phänomen seit Jahren bekannt ist, gibt es kaum Grundlagenforschung.

Woran liegt das?

Das hat historische Gründe. Jahrhundertelang war die Medizin in erster Linie mit der Bekämpfung von Infektionskrankheiten, Seuchen oder Kriegssterblichkeit beschäftigt. Erst in den letzten Jahrzehnten, die relativ friedlich waren und in denen die Lebenserwartung stieg, rückten die geschlechtsspezifischen Unterschiede stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit. Ein weiterer Grund ist schlicht der, dass es einfacher und billiger ist, sich nicht damit zu beschäftigen.

Wo steht die Frauengesundheitsforschung in Deutschland heute?

Wir stehen noch ziemlich am Anfang. Die Amerikaner, Kanadier und Australier sind uns weit voraus. Die Charité ist zurzeit die einzige Klinik in Europa, die Geschlechterforschung in der Medizin ihren Studenten als Wahlfach überhaupt anbietet. Bei den Arzneimitteltests gibt es inzwischen zwar Vorschriften, dass alle Gruppen, denen ein Medikament später verabreicht werden soll, im gleichen Maße getestet werden sollen. Die Umsetzung in die Praxis hängt der Gesetzgebung allerdings hinterher – besonders im Frühstadium der Arzneimittelentwicklung. Bei Tierversuchen werden hauptsächlich junge männliche Mäuse verwendet, deren Reaktionen denen von 20-jährigen Männern entsprechen und auch in späteren Phasen werden vor allem 20-jährige männliche Probanden eingesetzt. Ebenso orientiert sich die Standarddosierungen für Medikamente an 75 Kilo schweren Männern. Leichtere Frauen bekommen deshalb leichter Überdosen verabreicht und sind anfälliger für Nebenwirkungen.

Frauen leben also gefährlicher?

Was Arzneimittel und Medizin angeht, ja.

Wie könnte dem Abhilfe geleistet werden?

Zuerst müssen die bestehenden Regelungen bei Medikamententests eingehalten werden. Ein Schritt nach vorne wäre sicher auch, mehr leitende Positionen im Gesundheitswesen mit Frauen zu besetzen. Die sind dort noch völlig unterrepräsentiert. Wenn dem nicht so wäre, dann wären wir vielleicht schon viel weiter.

Vera Regitz-Zagrosek ist Kardiologin und Inhaberin des ersten Lehrstuhls für Frauenspezifische Gesundheitsforschung am Universitätsklinikum

Charité. Mit ihr sprach Moritz Honert.

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