Medikamentenbetrug : Apotheker soll Kassen um zehn Millionen betrogen haben

Ein bandenmäßiger Rezeptschwindel mit teuren HIV-Medikamenten ist nun aufgeflogen. Die Ermittler verhafteten am Donnerstag acht Tatverdächtige, eine Apotheke am Kurfüstendamm steht im Blickpunkt.

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In einer Apotheke am Kurfüstendamm soll der Beschuldigte die falschen Rezepte abgerechnet haben.
In einer Apotheke am Kurfüstendamm soll der Beschuldigte die falschen Rezepte abgerechnet haben.Foto: dpa

Einen gut organisierten Medikamentenbetrug mit einem Gesamtschaden von rund 10 Millionen Euro hat das Landeskriminalamt aufgedeckt. Am Donnerstag verhaftete die Polizei acht Tatverdächtige und durchsuchte zehn Wohnungen in Berlin, Kiel und Fulda. 200 000 Euro und mehrere hochwertige Autos beschlagnahmten die Beamten. Einem Apotheker und sieben Patienten wirft die Staatsanwaltschaft gewerbsmäßigen Abrechnungsbetrug zum Nachteil der Krankenkassen vor. Der Beschuldigte soll im Zeitraum zwischen 2007 und 2009 hunderte Rezepte über teure HIV-Medikamente in seiner Apotheke am Kurfürstendamm in Charlottenburg abgerechnet haben, die in Wirklichkeit nie an die Patienten gingen.

Das Muster war immer gleich: Die mit dem Virus der Immunschwächekrankheit infizierten Patienten ließen sich jeweils von verschiedenen Ärzten Rezepte ausstellen, die weit über den eigenen Bedarf hinausgingen. Von einem regelrechten „Ärzte-Tourismus“ ist die Rede. Der Apotheker kaufte Rezepte auf und kassierte bei den Krankenkassen ab, als habe der Patient die Medikamente erhalten. Der Wert pro Verordnung lag durchschnittlich bei 2000 Euro.

Die Ermittler gehen davon aus, dass es sich bei dem Fall nur um die Spitze des Eisberges handelt. „Es wird davon ausgegangen, dass eine Vielzahl weiterer Ermittlungsverfahren eingeleitet wird“, heißt es von der Staatsanwaltschaft.

Erst im September gab es eine Großrazzia in Kliniken des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Auch hier lautete der Vorwurf gewerbs- und bandenmäßiger Betrug im großen Stil. Leistungen von Assistenzärzten wurden als Leistungen der teureren Fachmediziner abgerechnet. Zudem wurden medizinisch nicht erforderliche Doppeluntersuchungen vorgenommen. Kassenärzte wurden nur zum Schein bei den Krankenhäusern angestellt, um an die Lizenzen zu gelangen. Das Landeskriminalamt hat ein sechsköpfiges Kommissariat „Medicus“ eingerichtet, das sich speziell mit Wirtschaftsbetrug im Gesundheitswesen befasst. Für den DRK-Betrugsfall wurden zehn zusätzlich Ermittler abgestellt.

Erik Tenberken, Vorstandsmitglied der Deutschen Arbeitsgemeinschaft HIV- kompetenter Apotheken (DAHKA) ist von den aktuellen Vorwürfen nicht überrascht. Immer wieder kämen solche Betrugsfälle vor. Strengere Gesetze fordert er trotzdem nicht. „Das Recht muss nur konsequent angewendet werden“, sagt er. Er fordert eine engere Zusammenarbeit zwischen Apothekern und Krankenkassen, um Betrügereien schnell aufzudecken. Die große Masse der Apotheker arbeite „sauber und vernünftig“. Es seien nur einzelne betrügerische Kollegen „die an dem Ast sägen, auf dem die ganze Branche sitzt“.

Beim Geschäft mit HIV-Therapeutika geht es um viel Geld. Im Jahr 2008 wurde in Deutschland mit HIV-Medikamenten fast eine halbe Milliarde Euro Umsatz gemacht. Gegenüber dem Vorjahr 2007 wuchs der Umsatz um 9,6 Prozent. Eine Monatspackung „Truvada“ zum Beispiel kostet 840 Euro, „Celsentri“ 1101 Euro oder „Fuzeon“ sogar 2390 Euro. Diese Medikamente unterdrücken die Vermehrung des Aidserregers.

Auch für die Apotheken lohnt sich der Handel mit den teuren Medikamenten. Weniger der Handelsspanne wegen, denn die ist in Deutschland gesetzlich geregelt – für jedes verschreibungspflichtige Medikament bleiben der Apotheke 6,35 Euro, bei Privatversicherten 8,10 Euro. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Medikament hundert oder tausend Euro kostet. Hinzu kommt aber der sogenannte Lagerkostenausgleich. Der ist an den Einkaufspreis gekoppelt und beträgt drei Prozent. Bei einer Packung „Fuzeon“ sind dies immerhin rund 71 Euro.

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