Berlin : Mediziner-Streik: Verständnis für Proteste

sib/rcf/mwoe

Der Ärzte-"Streik" hat die Patienten offenbar in größeren Zahlen dazu veranlasst, in die Universitätskliniken auszuweichen. In der Charité, Standort Virchow, gab es gestern einen deutlichen Anstieg. Und im Klinikum Benjamin Franklin in Steglitz mussten Patienten am Dienstag bis zu acht Stunden in der Notaufnahme warten, bestätigte gestern der Leitende Oberarzt Joachim Hoyer. "Wir haben eine Patientenzunahme von 100 Prozent gehabt." Hoyer hält allerdings den Ärzteprotest nicht für den Grund. Er wies darauf hin, dass jeder Notfallpatient bei der Aufnahme medizinisch begutachtet werde, bevor die diagnostischen Schritte beginnen. "Da kann es schon mal passieren, dass es Warteschleifen gibt."

Im Schnitt werden 120 Patienten pro Tag in der Rettungsstelle in Steglitz behandelt. Zu den Wartezeiten meinte Hoyer gestern: "Das sind auch normale Schwankungen während der Herbst- und Wintermonate." Das Uniklinikum Charité verzeichnete am Standort Virchow gestern allerdings einen "spürbaren Anstieg" von Patienten in der chirurgischen Rettungsstelle. Pressesprecherin Kerstin Ullrich sagte, Patienten hätten bestätigt, dass sie aufgrund von geschlossenen Fachpraxen ins Klinikum gekommen seien.

Absolut normal war wiederum nach Aussage von Gabriele Trück, Referentin des Ärztlichen Leiters, die Situation im Krankenhaus Am Urban in Kreuzberg. Viele Patienten zeigten Verständnis für die protestierenden Ärzte. Zum Beispiel Kathrin Oehms. "Ich kann die Proteste verstehen", sagt die Hausfrau. "Ich war ganz überrascht zu erfahren, dass viele Ärzte nicht mehr verdienen als Facharbeiter. Für so einen verantwortungsvollen Job ist das zu wenig." Außerdem sei der Zeitpunkt der Praxisschließungen günstig gewählt wegen der Herbstferien. "Hier im Krankenhaus ist es auch nicht so voll."

Tatsächlich waren gestern, nach dem umtriebigen Dienstag, in beiden Standorten der Charité und im Uniklinikum Steglitz die langen Gänge vor den Untersuchungszimmern relativ leer. Jeanette Sayan zum Beispiel kam "schon" nach einer Stunde dran - Krankenhausnormalität. Die Frau wäre zwar lieber zur Hausärztin gegangen, weiß aber, dass sich die Kürzungen im Gesundheitsbereich "ja auch auf die Patienten auswirken". Denn die Ärzte dürften nicht mehr alle Medikamente verschreiben. Die Patientin sah ihre Interessen vom "Ärzteaufstand" auch mit vertreten.

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