Berlin : Medizinische Planspiele

Von der Uni–Klinik zum normalen Krankenhaus? Neue Sorgen im Benjamin Franklin Klinikum

Ingo Bach

Das Steglitzer Benjamin Franklin Klinikum kommt nicht zur Ruhe. Noch nicht einmal zwei Jahre ist es her, dass der Senat in letzter Minute seinen Plan aufgab, das jetzt zur Charité gehörende Klinikum zu schließen. Seitdem taucht es in regelmäßigen Abständen als potenzieller Schließungskandidat in der öffentlichen Diskussion auf. Aktueller Anlass ist ein jetzt bekannt gewordenes „Planspiel“ aus dem Senat über die Zusammenarbeit von Charité und dem zweiten landeseigenen Klinikbetreiber Vivantes. Wie berichtet wird diskutiert, das Benjamin Franklin (UKBF) aus der Universitätsklinik zu lösen und als Versorgungsklinik Vivantes einzugliedern.

Der Nutznießer einer solchen Lösung wäre auf jeden Fall Vivantes, sagen Experten. Denn dadurch könnte der Konzern die Zahl seiner Patienten erheblich steigern – selbst wenn es im Gegenzug eines seiner nahe gelegenen Kliniken, wie das Auguste-Viktoria- (AVK) oder das Wenckebach-Klinikum aufgeben müsste. Das UKBF behandelt jährlich rund 34 000 Patienten, mehr als AVK und Wenckebach-Klinikum zusammen.

Profitieren von einem solchen Szenario würden auch die Berliner Krankenkassen. Seit Jahren beklagen sie das angebliche Überangebot an teuren hochleistungsmedizinischen Stationen in der Stadt. Denn die Behandlung eines Patienten in der Charité ist sehr viel teurer als in einem „normalen“ Krankenhaus – unabhängig von der Schwere der behandelten Krankheit. Und das werde noch einige Jahre so bleiben, sagt der Chef der Berliner AOK, Rolf Dieter Müller. Deshalb dringen die Kassen auf einen Abbau der Kapazitäten. „1850 universitätsmedizinische Betten in Berlin wären völlig ausreichend“, sagt Müller. Derzeit sind es 3500 Betten. „Die Charité muss sich zukünftig auf einen oder zwei von ihren jetzt vier Standorten konzentrieren.“

Dass die Charité abspecken muss, steht fest. Derzeit debattiert der Vorstand des Universitätsklinikums über ein Konzept, um die vom Senat geforderte Sparsumme von 98 Millionen Euro ab 2008 zu erreichen. Auch die Zahl der Medizinstudenten in der Charité geht zurück. Statt der derzeit 1200 sollen bald nur noch 600 Medizinstudenten hier ausgebildet werden.

Die Chefs von Charité und Vivantes haben bereits eine Vereinbarung zur engeren Kooperation unterzeichnet. Das Zauberwort heißt „Strukturbereinigungen“. Laut Sanierungsplan soll sich Vivantes auf das „Massengeschäft“ konzentrieren, das heißt Patienten, die keine extrem komplizierten Fälle sind. Die Folge könnte sein, dass diejenigen, die Hochleistungsmedizin benötigen, zur Charité überwiesen werden, so wie umgekehrt die leichteren Fälle zu Vivantes wechseln. So sieht das zum Beispiel Berlins Gesundheitssenatorin Heidi Knake-Werner (PDS): Charité und Vivantes sollen ihre Angebote abstimmen und sich nicht Konkurrenz machen.

Eine „Degradierung“ des UKBF hätte auch negative Auswirkungen – etwa auf den nahe gelegenen Gewerbepark Dahlem. Die dort ansässigen Biotechfirmen sind auf die enge Zusammenarbeit mit den forschenden Medizinern des Universitätsklinikums angewiesen. Deshalb gehört das Benjamin-Franklin zu einem Forschungsverbund. Würde man es aus diesem Verbund herausbrechen, dann wäre der gesamte Biotech-Standort Dahlem gefährdet, heißt es von Wissenschaftssenator Thomas Flierl (PDS).

Doch wie wahrscheinlich all diese Szenarien sind, wird sich frühestens in einem Jahr zeigen. Denn zunächst will der Senat einen Prüfauftrag an Charité und Vivantes erteilen, wie die Kooperation konkret aussehen könnte.

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