Berlin : Medizinische Unterversorgung: Gesundheit wird zum Privatvergnügen

koeg / -ry

Krankheit kommt viele Berliner teuer zu stehen. Manch einer bezahlt innovative, kostspielige Medikamente oder Behandlungsmethoden sogar aus eigener Tasche, weil sie der Arzt nicht verschreibt oder die Krankenkasse sie nicht mehr finanziert. So kommen etwa Alzheimer- und Rheumapatienten, aber auch psychisch Kranke sowie Multiple-Sklerose-Patienten teils nur schwer oder gar nicht an dringend benötigte Medikamente heran.

Jan Faktors Korrespondenzen mit Ärzten und Krankenkassen füllen Ordner. Der 49-Jährige leidet an einer lebensbedrohlichen Stoffwechselstörung mit erhöhten "Lipoprotein (a)"-Werten im Blut. Jahrelang übernahm seine Krankenkasse die umstrittene Therapie, die Blutwäsche - doch nun hat die AOK die Zahlung eingestellt. Jetzt lässt sich Faktor nicht mehr einmal die Woche, sondern nur noch alle 14 Tage behandeln, und muss dafür jeden Monat 5000 Mark privat bezahlen - dank Spenden, Zuschüssen, Krediten. "Ich bin dadurch gesund geworden", ist der Schriftsteller überzeugt, seine behandelnde Ärztin im Virchow-Klinikum unterstützt dies. Anders die AOK, die auf eine bundesweit für alle Krankenkassen geltende Richtlinie verweist. "Demnach dürfen die Kassen diese Behandlungsform nicht übernehmen", sagt Gabriele Rähse, Sprecherin der AOK Berlin. Die Leiterin der Charité-Fettstoffambulanz, Elisabeth Steinhagen-Thiessen, hält dagegen, dass Patienten mit dem gleichen Krankheitsbild in anderen Bundesländern sehr wohl behandelt werden. Jetzt klagt Jan Faktor - auch stellvertretend für sechs Leidensgenossen aus Berlin, die bereits gesundheitliche Rückschritte erlitten.

Auch andere Berliner bemühen sich teils vergeblich um Medikamente, in die sie große Hoffnungen gesetzt hatten. "Wir wissen von einigen Ärzten, die neue Rheumamittel oder Antidepressiva nur sehr zögerlich verschreiben, weil sie erheblich teurer sind", sagt Bernd Köppl, gesundheitspolitischer Sprecher der Bündnisgrünen. "Einige Patienten bekamen bei der Beantragung von noch nicht zugelassenen Medikamenten eine Ablehnung der Kasse", berichtet Jutta Willem von der Multiple-Sklerose-Gesellschaft. Es sei schwer, einen Arzt zu finden, der teure Mittel verschreibt.

Ähnliches haben Alzheimer- oder Schizophrenie-Patienten erfahren. So können "Acetylcholinesterase-Hemmer" das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit erheblich verzögern, werden aber aus Kostengründen nur 10 bis 15 Prozent der Patienten verschrieben. "Das ist ein unhaltbarer Zustand", sagt Rosemarie Drenhaus-Wagner von der Alzheimer-Angehörigen-Initiative. Herkömmliche Mittel kosten zwei Mark pro Tag, das neue Medikament sechs bis sieben Mark. Schuld an der Unterversorgung sind nach Ansicht des Selbsthilfevereins vor allem die niedergelassenen Ärzte. Sie verweigerten die Verschreibung mit Hinweis auf ihr Arzneimittelbudget. Bei Schizophrenen sind es die "atypischen Neuroleptika", die sogar zehn Mal teuer sind als herkömmliche Medikamente - aber eben auch sehr viel wirksamer.

Die Pharmakologin Bettina Piep von der AOK betont: "Jeder Patient hat Anspruch auf die notwendige Versorgung." Gleichzeitig seien die Kranken irreführender Werbung ausgesetzt. Beispielsweise seien die Cholinesterase-Hemmer nicht für alle Alzheimer-Patienten geeignet. Der Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung, Dusan Tesic, sagt, Ärzte müssten sich überlegen, ob sie die Medikamente verschreiben. "Ich kann nicht übelnehmen, dass die Ärzte etwas nicht verordnen, weil sie es sonst aus der eigenen Tasche bezahlen müssten."

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