Medizinische Versorgung : Ärztewanderung nicht zu verhindern

Berlin gilt eigentlich als überversorgt mit ambulanten Ärzten – doch ist die Medizinerdichte in den Bezirken sehr unterschiedlich. Durch eine neue Regelung können sie sich jetzt überall niederlassen. Und sie bevorzugen reiche Bezirke.

Ingo Bach

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin sieht keine Möglichkeit, die Abwanderung von Medizinern in die wohlhabenderen Westbezirke zu stoppen, wo es unter anderem einen höheren Anteil an Privatpatienten gibt. „Wir können rechtlich keinen Arzt dazu verpflichten, seine Praxis in einem bestimmten Bezirk zu eröffnen“, sagt KV-Sprecherin Annette Kurth. Auch die Verlegung ihrer Praxis innerhalb des Stadtgebietes könne man Medizinern nicht verbieten.

Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) hatte, wie berichtet, vor einem drohenden Fachärztemangel in sozial schwächeren Bezirken gewarnt. Man erwarte von der KV, die für die Sicherstellung der medizinischen Versorgung verantwortlich ist, Vorschläge, um diesem Trend entgegenzuwirken, hatte Lompscher am Mittwoch bei der Vorstellung des Gesundheitsberichtes gesagt.

Eigentlich gilt Berlin als überversorgt mit ambulanten Ärzten – doch ist die Medizinerdichte in den Bezirken sehr unterschiedlich. In Steglitz-Zehlendorf liegt zum Beispiel die Ausstattung mit Augenärzten bei 137 Prozent, in Neukölln nur bei 86 Prozent. Während also in Steglitz-Zehlendorf ein Augenarzt auf rund 9600 Einwohner kommt, liegt das Verhältnis in Neukölln bei 1:15 300. Noch ungünstiger sieht es für Neukölln bei Hautärzten aus. Hier ist der Bezirk nur zu 54 Prozent versorgt, mit Gynäkologen zu 72 und mit Urologen zu 78 Prozent.

Und die Versorgungsdichte verschiebt sich weiter. So praktizierten im vergangenen Jahr in Charlottenburg-Wilmersdorf 85 Ärzte mehr als 2003. Steglitz-Zehlendorf gewann 39 Mediziner hinzu. Auf der anderen Seite verlor Neukölln insgesamt 53 Doktoren, und Marzahn-Hellersdorf musste 28 Ärzte ziehen lassen.

Hintergrund ist die 2003 vollzogene Zusammenführung der vorherigen zwölf KV-Planungsbezirke zu einer Versorgungsregion für das gesamte Stadtgebiet. Dadurch können die Ärzte ihre Praxis in jeden Bezirk verlegen. Diese Zusammenführung war seinerzeit auch von der Senatsgesundheitsverwaltung begrüßt worden. Negative Auswirkungen auf die Bevölkerung seien angesichts der bestehenden Überversorgung mit niedergelassenen Ärzten nicht zu erkennen.

Nun hofft die KV-Spitze, dass die geplante Honorarreform 2009 den Trend ändert. „Dann soll der höhere Arbeitsaufwand durch schwer kranke Patienten, die in den sozial schwächeren Bezirken häufiger sind, besser bezahlt werden“, sagt KV-Sprecherin Kurth. Bisher stünden die Mediziner in den sozial schwachen Bezirken ökonomisch schlechter da als ihre Kollegen in den wohlhabenderen Bezirken. Ingo Bach

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