Berlin : Mehr als eine Glaubensfrage

Religionsunterricht soll an Berlins Schulen nicht länger eine Sache der Freiwilligkeit sein. Über ein Pflichtfach wird gestritten

Susanne Vieth-Entus

Religionsunterricht – das ist an Berlins Schulen bislang eine Sache der Freiwilligkeit. Doch nun ist die SPD/PDSKoalition drauf und dran, sich vom Berliner Sonderweg in Sachen Religions- und Wertevermittlung zu verabschieden. Bildungssenator Klaus Böger (SPD) hat sein Konzept vergangene Woche im Tagesspiegel erläutert: Ein Pflichtfach Lebensgestaltung/Ethik/Religionskunde (LER) nach Brandenburger Vorbild soll es geben. Wer lieber islamkundlichen Unterricht will oder einen bekenntnisorientierten Religionsunterricht, könne sich von LER befreien lassen. Für diesen Alternativ-Unterricht sollen aber nur Religionsgemeinschaften zugelassen werden, die sehr eng gefasste Kriterien erfüllen. Das trifft nach Ansicht Bögers nur für die evangelische und katholische Kirche zu.

Das Modell des Bildungssenators will aber nicht jeder in der SPD und kaum jemand in der PDS. Selbst der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat klargestellt, dass er in dieser Frage auf Seiten der PDS steht: Sie strebt an, dass es keine Abmeldung von LER geben soll, sondern dass alle Schüler gemeinsam unterrichtet werden und sich über ihre unterschiedlichen Glaubensrichtungen und kulturellen Wurzeln austauschen können.

Wo letztlich der Kompromiss liegen könnte, ist zurzeit völlig unklar. Der Meinungsbildungsprozess wird wohl mindestens bis zum Bildungsparteitag der SPD im Frühjahr dauern. Ebenso unklar ist die Finanzierung. Bislang gibt das Land rund 50 Millionen Euro pro Jahr dafür aus, dass die Schüler auf freiwilliger Basis Unterricht der Kirchen, der Islamischen Föderation, des Humanistischen Verbands und anderer Gemeinschaften besuchen können. Ein Teil des Geldes fließt auch in den Modellversuch Ethik/Philosophie.

Böger geht davon aus, dass sein Modell „fast kostenneutral“ umsetzbar ist. Dies würde aber bedeuten, dass die Unterrichtsgruppen etwa doppelt so groß sein müssten wie bisher, denn zurzeit nimmt nur rund die Hälfte der Schülerinnen und Schüler an einem der freiwilligen Angebote teil. Es müssten also statt 15 durchschnittlich 30 Kinder zusammengefasst werden. Dies ist für LER machbar, aber nicht für die Religionsgemeinschaften, denn in manchen Schulen gibt es nur noch vereinzelt Katholiken und auch nicht mehr viele evangelische Kinder. Selbst wenn man mehrere Parallelklassen und Jahrgänge mischen würde, kämen nicht immer 30 Kinder zusammen.

Nach Bögers Modell würden der Humanistische Verband und die Islamische Föderation aus den Berliner Schulen verschwinden. Die Islamische Föderation hat in den Parteien kaum Fürsprecher. Anders der Humanistische Verband, der fest in Berlin verwurzelt ist und seit den 20er Jahren seinen Lebenskundeunterricht anbietet. Als „Trostpflaster“ will man dem Verband anbieten, seine Lehrer für den LER-Unterricht zu übernehmen.

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