Berlin : Mehr als nur ein Test für das Schloss

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Von Klaus Kurpjuweit

In einem Jahr wird man Unter den Linden sehen können, wie ein Wiederaufbau nach historischem Vorbild, aber mit modernen Innenräumen, wirkt – so wie es die Befürworter des Schloss-Aufbaus propagieren. Den ersten Schritt unternimmt die Bertelsmann AG zusammen mit der Bertelsmann Stiftung, die Unter den Linden 1, dicht beim Schlossplatz, das Quartier der Berliner Stadtkommandanten aus der Zeit der Monarchie wieder aufbauen. Am Freitag legte der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG, Thomas Middelhoff, symbolisch den Grundstein für das Gebäude, nach dessen Wiederaufbau eine weitere Lücke im historischen Ensemble Unter den Linden geschlossen sein wird.

Mit der prestigeträchtigen Adresse Unter den Linden 1 entsteht die Hauptstadt-Repräsentanz des Bertelsmann-Konzerns, die auch von kulturellen und politischen Organisationen genutzt werden kann. Rund 30 Millionen Euro will Bertelsmann investieren.

Zum Straßenzug Unter den Linden erhält das Gebäude die klassizistische Fassade nach dem Vorbild des im Krieg zerstörten und später abgerissenen Kommandantenhauses von 1873/74. Die Pläne dazu hat das Berliner Architekturbüro Stuhlemmer entwickelt. Das Kölner Architekturbüro Thomas van den Valentyn, das den internationalen Wettbewerb für den Wiederaufbau gewonnen hat, verknüpft, abweichend vom Vorbild, den historischen Bereich mit einem Wintergarten auf der Südseite und schafft so eine moderne, lichtdurchflutete Architektur für die zeitgemäße Nutzung des Gebäudes. So entstehe auf dem rund tausend Quadratmeter großen Grundstück an der Schlossbrücke eines der interessantesten Bauprojekte in der historischen Mitte der Stadt, sagte Middelhoff am Freitag. Die Kommandantur war 1794 gebaut worden. Integriert worden war dabei ein 1653/54 entstandenes Wohnhaus des kurfürstlichen Architekten J.G. Memhardt. 1799 zog der Berliner Stadtkommandant Generalleutnant von Götze ein. Der letzte Hausherr, der Generalleutnant Paul von Hase, wurde als Beteiligter des Widerstands gegen Hitler nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet.

Der Wiederaufbau nach historischem Vorbild war Bedingung für den Wettbewerb. Im Herbst 1999 hatte sich der Senat für das Konzept von Bertelsmann entschieden, das nach eigenen Angaben ein lebendiges und offenes Haus in der Mitte der Stadt vorsieht. Nach Abschluss archäologischer Grabungen wurde im Spätherbst 2001 mit dem Bau begonnen. Im Spätsommer 2003 soll das Gebäude fertig sein.

Dagegen zieht sich die Entscheidung zum benachbarten Schloss in die Länge. Seit zwölf Jahren wird diskutiert, ob es mit einer historischen Fassade wieder aufgebaut werden soll oder nicht. Hoffnungen, einen Wiederaufbau ohne einen Griff in die öffentlichen Kassen finanzieren zu können, haben sich nicht erfüllt. Allerdings würde ein Wiederaufbau des Schlosses auch mindestens eine Milliarde Euro kosten – zu viel selbst für einen potenten Konzern.

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