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Mehr Berlin : Der alte Mann und der Platz

23.11.2012 15:41 Uhrvon
Kreidezeit: Jeden Tag um Acht Uhr steht Baldur Lemke pünktlich auf seinem Platz. Denn: "Es gibt immer watt zu tun." Foto: Sebastian DudeyBild vergrößern
Kreidezeit: Jeden Tag um Acht Uhr steht Baldur Lemke pünktlich auf seinem Platz. Denn: "Es gibt immer watt zu tun." - Foto: Sebastian Dudey

Keine Bewegung zu viel – trotzdem alles im Griff: Männer wie Baldur Lemke, 77 Jahre, seit 1988 Platzwart der SG Blankenburg im Norden Berlins, sind selten geworden. Zeit, einer Institution zu huldigen, ehe sie vergeht.

Keine ausschweifende Bewegung, kein Moment plötzlicher Hektik. Baldur Lemke rührt sich kaum, und wenn er sich doch einmal rührt, sind seine Gesten, die kurzen Schritte, von energiesparender Langsamkeit.

Meist sitzt er, Platzwart am Stadion an der Straße 18 in Blankenburg, einfach nur dort, weißer Tisch, schwarzer Kaffee. Auf dem einzigen Stuhl des Vereinscasinos der SG Blankenburg, auf dem, aus einer Gewohnheit heraus, die irgendwann Tradition geworden ist, ein Sitzkissen liegt. Er hat hier eine Stammplatzgarantie.

Deshalb setzt man sich am besten einfach neben ihn, Vereinscasino, weiße Tische, braune Stühle, Mannschaftsfotos an den sonst kargen Wänden, und wartet.

Bis etwas passiert. Oder eben: bis überhaupt nichts passiert.

Er hat ja auch so alles unter Kontrolle. Da wäre jeder überflüssige Schritt nur eine Beleidigung der eigenen Erfahrungen. Sinnloser, völlig unnötiger Aktionismus. Für so einen Quatsch ist Lemke zu alt. Das überlässt er dann doch lieber der Jugend, die für ihn ja schon, rückwärts gerechnet, jenseits der 60 beginnt. Baldur Lemke wird im nächsten Februar 78 Jahre alt.

08:15 Uhr

Lemke, der Mann, der in Blankenburg den Schlüssel zum Fußball trägt, ist seit acht Uhr hier. Wie an fast jedem Morgen, ein Vierteljahrhundert schon, hat er an diesem Sonntag das Tor zum Stadion aufgeschlossen und seinen Wagen, einen alten Mercedes, S-Klasse, Automatik, auf dem Rasen neben dem Vereinsheim geparkt. Nicht mehr ganz so weißer Containerflachbau. Er hat die Tür zum Casino geöffnet, sich erst einmal auf seinen Platz gesetzt und eine Zigarette angezündet, Route 66, Discounterkraut. Nun wartet er einfach, rauchend, während seine Frau Heidi hinter der Theke, Zapfhahn zur Linken, Trophäen im Rücken, den ersten Kaffee des Tages aufsetzt.

Lemke trägt, Heimspieltag in der Kreisliga A, seine alte Trainingsjacke. Fußballrentnersonntagstracht, ganz großartige Ballonseide. Die zu erwartende Uniform des Platzwartes. Weiße Schrift auf schwarzem Grund. Und auf dem Rücken: „… wo Fußball noch Spaß macht“. Für die nächsten zwei Stunden haben die beiden den Platz, ihr Wohnzimmer, und das Casino ganz für sich. Erst dann kommen nach und nach die Spieler, die Zuschauer und mit ihnen die Unruhe. Jetzt aber erst mal: Zeit genug, um zu erzählen.

„Seit 1988 bin ich hier uff’m Platz.“ Lemke schnauft mehr, als dass er spricht. Die Stimme schnarrend, als käme sie direkt aus einem alten Volksempfänger, dabei unentschieden zwischen zementhartem Ostberliner Idiom und einem ostpreußischen Ritt durch die Silben, Watte und Sandpapier, mit Worten, die nach Salzwasser schmecken. „Vor der Wende, inne DDR schon.“ Lemke war erst Vorsitzender bei der SG Blankenburg, dann als Vorarbeiter auch verantwortlich für die Plätze an der Buschallee, schließlich Platzwart. Straße 18. Sein Revier. Ehe er in Rente gehen musste. Zwölf Jahre ist das her. Platzwart ist er immer noch. Ehrenamtlich. „Wenn man mit Herzblut dabei ist“, sagt er, „dann geht man nicht einfach so.“ Also ist er geblieben. Da, wo er für alle nur der Baldi ist. Ihr Original. Seine Familie.

Zwischendurch war noch ein anderer hier, vom Bezirksamt eingesetzt. Dem hat er dann erzählt, wo es langgeht in seinem Stadion. Straße 18. Bis der wieder verschwand. „Der war nicht vertrauenswürdig“, erinnert sich Lemke, „den haben sie dann nach Buchholz umgesetzt, auf einen Kunstrasenplatz.“ Er hält kurz inne, das Wort Kunstrasen hat er fast ausgespuckt, gut hörbarer, abfälliger Unterton: „Da braucht er nur den Schlüssel rausgeben und das Flutlicht anmachen.“ Es spricht ein Mann, der stolz ist auf das, was er hier macht. Echter Rasen, echte Vereinsidentifikation. Ist ja selten geworden.

Platzwarte wie ihn, 25 Jahre, ein Verein, gibt es in Berlin kaum noch. Dafür fehlen die Mittel. In der Regel werden sie von den Bezirksämtern nach Bedarf eingesetzt. Springer, mobile Einsatzkommandos, ohne Heimstätte, ohne Vereinsmitgliedschaft. Söldner in blauen Latzhosen. Lemke aber ist untrennbar mit der SG Blankenburg, Fußball seit 1952, verbunden. Und im Verein auch alles auf einmal: Schattenpräsident, größter Anhänger, Maskottchen und Denkmal mit DDR-Patina. Er hätte deshalb, plötzlich Rentner, auch gar nicht gewusst, wohin mit sich. „Die Arbeit hier, der Platz, das alles ist wie ein Jungbrunnen für mich.“ Sagt er, Viertel Zigarette in einem Lungenzug, das R in Jungbrunnen wunderbar gerollt, darin ein ganzes Leben.

Geboren in Berlin, Mühlenstraße in Friedrichshain, Februar 1935, muss Lemke die Stadt noch als Säugling verlassen. Er kommt zur Großmutter nach Ostpreußen, zwölf Kilometer bis zur litauischen Grenze: „Meine Mutter hatte damals einen Halbjuden zum Mann und die durften während des Krieges nicht heiraten. Deshalb kam ich zur Oma.“ Dort verbringt er seine Kindheit, auf dem Land. Kühe hüten, Torf machen, während nicht weit entfernt die Welt brennt. 1944 aber nähert sich der Krieg auch dem Dorf der Großmutter. Flucht mit der Oma, Rückkehr nach Berlin. Die letzten Kriegstage. Lemke, lakonisch : „Da kamen die Russen rinn und wir mussten raus, haben dann in Hönow eine Bleibe gefunden, aber ich bin wieder rein nach Berlin.“ Lemke, zehn Jahre alt, läuft die sechzehn Kilometer zurück, Landsberger Allee in Flammen. „Unterwegs habe ich mir noch ein Hitlerjugend-Hemde angezogen und wollte Berlin verteidigen.“ Ein langes, keuchendes, bis in die Erinnerung hineinreichendes Lachen: „Wie man als Kind eben so war.“

Die Jahre danach sind eine Jugend in der DDR. Nach Kriegsende, Schule bis zur 9. Klasse, arbeitet er beim Grünflächenamt Magistrat von Großberlin. „Damals hieß das noch so, Großberlin“, sagt er und schaut dabei, als amüsiere es ihn, wie lang das her ist. Lemke, halbes Kind noch, pflegt Parkanlagen und Rasenflächen. Immer an der frischen Luft, wie früher im Dorf der Großmutter, zwölf Kilometer zur litauischen Grenze. Bald wechselt er ins Zentralhaus der Jungen Pioniere, Lichtenberg, in die Sportabteilung, kümmert sich als Platzarbeiter um Halle und Sportanlagen: „Da habe ich sozusagen auch schon den Platzwart gemacht.“ Verschnaufpause, nächste Zigarette. „Das ist eben die Arbeit, bei der ich die größte Erfüllung finde. Weil ich gerne in der freien Natur bin“, sagt er dann und es liegt noch etwas mehr Ostpreußen in seiner Stimme als sonst.

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