Mehr Berlin : Zieht die Bezirksgrenzen neu!

Warum gehört die Kastanienallee zu Mitte und das Maybachufer zu Neukölln? Viele Berliner Straßen liegen im falschen Bezirk. Zeit für ein paar Korrekturen.

von
Willkommen in Prenzlauer Berg! Begleiten Sie uns auf einen Bummel in Bildern durch den Stadtteil. Hier stehen...Weitere Bilder anzeigen
Foto: Doris Spiekermann-Klaas.
13.05.2011 14:59Willkommen in Prenzlauer Berg! Begleiten Sie uns auf einen Bummel in Bildern durch den Stadtteil. Hier stehen...

Ich kam nach Berlin mit drei Gewissheiten: Erstens ziehe ich in die aufregendste Stadt weit und breit, zweitens kann jetzt endlich das gute Leben beginnen, und drittens wird meine Wohnung im lebendigen, aber behüteten Prenzlauer Berg liegen. Direkt am Zionskirchplatz.

Ich brauchte Wochen, um einzusehen, dass der extrem prenzlauerbergige Straßenzug trotz Second-Hand-Laden und Fußbadcafé formal zum anstrengenden Bezirk Mitte gehört. Das durfte nicht sein. Ebenso die angrenzende Kastanienallee: eigentlich ein Markenzeichen von Prenzlauer Berg, tatsächlich aber zu einem Drittel von Mitte verwaltet. Es gibt ein Schild mit der Aufschrift „Mitte“ auf Höhe der Schwedter Straße, das die Grenze zum Bezirk Mitte anzeigten soll. Jemand hat ein großes „T“ über den Anfangsbuchstaben drübergeklebt. Niemanden stört’s. Niemand vermutet hier ein Bezirksschild.

So geht es einem häufig in dieser Stadt: Straßen liegen nicht in den Bezirken oder Ortsteilen, zu denen sie eigentlich gehören sollten. Das KaDeWe am Wittenbergplatz befindet sich gefühlt in Charlottenburg, tatsächlich aber in Schöneberg. Die Kochstraße mit ihrem starken Autoverkehr, dem ästhetischen Ungetüm einer Versicherungszentrale und den Touristenhorden vom nahen Checkpoint Charlie sieht zweifellos nach Mitte aus, gehört aber zu Kreuzberg. Und als Thilo Sarrazin neulich vom ZDF durch Kreuzberg geführt werden sollte, um zu prüfen, wie der Ex-Banker nach seinem Buch bei den dort lebenden Türken ankommt, brachte ihn die Journalistin als Erstes auf den Wochenmarkt am Maybachufer – das liegt aber ausgerechnet in Neukölln. Weder der Sender noch Sarrazin scheinen das gemerkt zu haben. Gefühlt ist dort nämlich Kreuzberg.

Entscheidend ist nicht, was das Bezirksamt mir sagt. Entscheidend ist, was mein Herz mir sagt. Vor zehn Jahren trat die letzte große Gebietsreform in Kraft, bei der die 23 Berliner Altbezirke auf zwölf zusammengeschmolzen wurden. Es ist Zeit für ein paar Korrekturen.

Es geht nicht um Profilbildung oder touristische Vermarktbarkeit der Kieze. Es geht ums Gefühl. Lesen Sie weiter auf Seite 2.

Seite 1 von 2
  • Zieht die Bezirksgrenzen neu!
  • Seite
Artikel auf einer Seite lesen
» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

43 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben