Berlin : Mehr Brände, mehr Brandstifter, mehr Feuertote

Die alarmierenden Zahlen überraschen selbst die Experten. Zunehmende Verwahrlosung gilt als wesentlicher Grund

Annette Kögel

Das Feuer im Jagdschloss Glienicke, der Brand im Hamburger Bahnhof: Dieses Jahr wird der Feuerwehr durch spektakuläre Großeinsätze in Erinnerung bleiben. Aber auch die Zahl der kleineren Brände ist stark gestiegen. So wurde die Feuerwehr im ersten Halbjahr 2003 wegen 4770 Bränden und Explosionen gerufen – im Vorjahreszeitraum waren es noch 3860 Einsätze. In Berlin kamen in der ersten Jahreshälfte 23 Menschen in den Flammen ums Leben, das sind sechs Brandopfer mehr als im Vorjahreszeitraum. Die wachsende Zahl von Feuern sei auch ein Zeichen zunehmender Verwahrlosung, warnt die Feuerwehr: Brandopfer stammen oft aus einfachen Verhältnissen, waren stark alkoholisiert. Zudem ermittelt die Kripo häufiger wegen Brandstiftung – der typische Täter kommt aus schwierigen sozialen Verhältnissen und lässt, so die Kripo, „seinen Frust raus“.

Beim Blick auf die Statistik zeigten sich Feuerwehr und Kripo selbst erstaunt. Bis Juli 2003 hat es 910 Mal häufiger gebrannt als in den ersten sechs Monaten des Jahres 2002, das ist ein Anstieg um 24 Prozent, sagt Lars Flörke, einer der Feuerwehr-Pressesprecher. Guckt man sich die Einsätze genauer an, ergibt sich folgendes Bild: Die Zahl der Großbrände – Lagerhallen, Dachstühle – hat sich von 15 auf 29 fast verdoppelt. Bei den so genannten Mittelbränden – von der Kategorie wie jüngst das Feuer im Tiergartener Seniorenwohnhaus – gab es einen Anstieg von 140 auf 195 Einsätze. Am deutlichsten ist der Zuwachs bei den „Kleinbränden B“ – Abfallcontainer und ähnliches – sowie bei den „Kleinbränden A“, darunter fallen angesteckte Papierkörbe. In der ersten Hälfte 2002 gab es 2915 Fälle, diesmal sind es 3670.

„Mehr Feuer sind immer auch ein Zeichen für wirtschaftliche Krisen“, sagt Feuerwehrsprecher Jens-Peter Wilke. Auch die öfter gelegten Kleinstbrände zeugten von Verwahrlosung, Gleichgültigkeit, Alkoholismus. Am häufigsten wird die „112“ in Bezirken wie Prenzlauer Berg, Kreuzberg und Neukölln angerufen. „Noch kommen wir mit unserer Ausstattung hinterher. Wenn aber noch mehr gekürzt wird, können wir das nicht mehr bewältigen“, sagte Broemme. Bei der Feuerwehr arbeiten derzeit 3500 Beamte.

Auch die Berliner Kriminalpolizei hat mehr zu tun – und zwar wegen vorsätzlich gelegter Feuer. Beim Branddezernat des Landeskriminalamtes kamen in diesem Jahr bislang gut zehn Prozent mehr Fälle auf den Tisch. „Brandstifter sind oft allein stehend, haben keine soziale Bindung und sprechen aus Frust dem Alkohol zu“, sagt Michael Havemann, Leiter des Kripo-Branddezernats, zur Tätertypologie.

Wie oft die Feuerwehr in jüngster Zeit zu Löscheinsätzen in Wohnhäuser gerufen wurde, weist weder ihre eigene - noch die Kripo-Statistik genau aus. Aber auch hier hat es nach Auskunft der Pressestellen einen Zuwachs gegeben. Da fallen Zigaretten auf den Teppich; vielfach sind defekte, billige oder überalterte Fernseher die Ursache – sie implodieren. Albrecht Broemme zufolge können vor allem ältere Menschen oft nicht rasch genug reagieren. Dann geht alles sehr schnell: Nur acht Minuten kann es dauern, bis Glut ein Zimmer in Flammen setzt.

Vor allem im Schlaf hat man keine Chance: „Vier Atemzüge, dann sind Sie bewusstlos, nochmal vier Atemzüge und Sie sind tot“, sagt Feuerwehr-Pressesprecher Lars Flörke. Dennoch sei das Bewusstsein für diese Gefahr hierzulande kaum ausgeprägt. Die Mehrzahl aller Brandopfer könnten noch leben, hätten sie Rauchmelder installiert. Deshalb unterstützt auch der Landesbranddirektor die Gesetzesinitiative der Grünen zu Meldern in Wohnungen.

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