Berlin : Mehr echt als schlecht

Die Schlagersängerin Michelle gilt als perfektes Kunstgeschöpf. Wenn nicht immer ihre Ehrlichkeit dazwischenkäme. Das macht sie umso interessanter

NAME

Auftritt Michelle. „Guten Morgen“, piepst der Schlagerstar mit Mädchenstimme und betritt den Raum. Hinten warten Fotografen und Journalisten. Michelle gibt jedem einzeln die Hand und sagt jedes Mal „Guten Morgen“ dazu. Sie ist viel kleiner als erwartet, bestimmt unter 1,60 Meter, sehr zierlich, dick geschminkt. Gleich wird sie vor einer Wand Platz nehmen, auf der riesig das Cover ihres neuen Albums „Rouge“ zu sehen ist. Darauf ist Michelle aus der Froschperspektive fotografiert, sie trägt ein glamouröses rosa Abendkleid mit Strassbesatz und erinnert an Kylie Minogue. Ein perfektes Kunstprodukt. Bevor sie sich hinsetzt, posiert sie. Die blondierten Haare fallen glatt, die Haut ist braun gebrannt. Aber dann: Auf dem Bauch unter dem knappen Jeans-Oberteil wird für einen Moment eine etwa einen Zentimeter breite, senkrechte Narbe sichtbar, die im Bund der Jeans verschwindet. Ist die Frau etwa echt?

Die Narbe gehört bestimmt Tanja Hewer. So heißt Michelle mit bürgerlichem n. Über beide wissen wir schon ganz schön viel: Tanja Hewer hatte eine schwere Kindheit, ihre Familie war kaputt, sie wuchs bei Pflegeeltern auf, wurde mit dem Rohrstock geschlagen, bekam psychische Probleme, erlitt einen Darmverschluss und musste notoperiert werden (daher die Narbe?).

Michelle dagegen ist ein Star, vertrat Deutschland beim Grand Prix, ist kinderlieb, hat neue Brüste und ist außerdem eine „Granate im Bett“. So stand es in der Bild, und das mit der Granate war das letzte, was groß zu lesen war. Das hatte Tagesschau-Sprecher Jens Riewa dem Reporter diktiert, und manche glauben, er wollte damit bloß die Gerüchte, er sei schwul, zum verstummen bringen. „Absolut niveaulos“ habe sie das gefunden, sagt Michelle jetzt dazu. So etwas gehöre nicht in die Zeitung. Im Mai allerdings, nach der Granaten-Berichterstattung, hatte sie sich nicht sehr gewehrt. Im Gespräch bleiben ist alles, wenn man ein Star sein will.

Michelle hat also eine neue Platte aufgenommen, die sie jetzt promotet. Schließlich geht sie auch auf Tour – am 3. Mai 2003 ist das Konzert in Berlin. Erst kommen die üblichen Nettigkeiten: Das Album, produziert von und mit ihrem Ex Matthias Reim, sei künstlerisch ein großer Schritt nach vorn, die Zusammenarbeit mit Matthias sei ganz toll gewesen, so vertrauensvoll, und „Rouge“ sei der Inbegriff der Fraulichkeit, der Liebe, symbolisiere aber zugleich auch das Maskenhafte, Aufgeschminkte.

Michelle hält das eine Weile durch, aber dann schimmert doch wieder ihre ehrliche Meinung durch. Mit demselben freundlich-hellen Stimmchen sagt sie dann, nein, Dieter Bohlen interessiere sie als Mensch überhaupt nicht, ihn möchte sie nicht kennenlernen, ach, und im Schlagergeschäft tue sich irgendwie nichts, es sei immer das gleiche, Schlager seien einfach verstaubt. Michelle will aufhören. Spätestens mit 40 sei Schluss, sagte das 30-jährige Schlagersternchen gestern. Dann werde sie sich noch mehr als bisher engagieren, um Kindern zu helfen.

Sie hat einen Gang wie ein Kerl, die Arme etwas von Körper ab, leicht breitbeinig, und beim Gehen über den Hof legt sie ihrem Manager kurz die Hand auf den Po. Jede Wette, die Frau ist ganz anders als das öffentliche Bild von ihr. Was sie an ihren Kindern am meisten liebe, wird sie noch gefragt. Die Antwort: dass sie so echt sind. Fatina Keilani

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben