Berlin : Mehr Licht

Zwei Papierkünstlerinnen schaffen Raumatmosphäre: Sie lassen Lampen warm erstrahlen

Susanne Leimstoll

Es kräuselt sich zwischen Metallstreben, umspannt ein Wagenrad großes Ufo. Es legt sich zwischen zwei verblassenden Fotomotiven in Falten, verdichtet sich zum stabilen Rahmen, der Wellen schlägt. Es gibt den Passepartout für Scherenschnitte, lässt französischer Spitze den großen Auftritt, ist, in farblich abgestimmtem Patchwork aneinander gefügt, immer gut für Überraschungen. Es nennt sich Papyrus oder Kapok. Handgeschöpftes Material, in Szene gesetzt von zwei Künstlerinnen. Sie haben es für sich entdeckt nur zu dem einen Zweck: es in goldenes Licht zu tauchen.

Catherine Grigull hat keine Lust, ihre Fingerfertigkeit auch noch zu kommentieren. An dem Kniff hat sie neun Jahre gearbeitet, den hat man als Laie nicht einfach so drauf. Das feine, handgeschöpfte Papier schneidet sie nach Augenmaß, streicht es mit der besonderen Leimmixtur ein, zieht den schlappen Streifen hoch, der exakt zwischen zwei Lampenschirmstreben passt und biegt die Ränder sanft darum. Nicht zu viel Spannung darf auf dem Stückchen liegen, sonst reißt es beim Trocknen; nicht zu wenig, sonst hält es die Form nicht. Silvia Maria Spieß trägt derweil ein warmes Rot auf einen schon bespannten Schirm auf, ein Effekt, der die Bögen noch mehr wippen lässt. Eine Auftragsarbeit, eine Leuchte als Taufgeschenk für ein Kind. Etwas, das dem Neugeborenen guttut mit warmem Schein in Rot und Orange. Das nicht kitschig wirkt und auch später noch ein Zimmer schmücken kann. Die Werkstatt ist ein kleines Geschäft in Kreuzberg, 25 Quadratmeter Raum, bestückt mit Leuchten aus Papier vor mokkabraunem Hintergrund und einer dunkelrot-goldenen Chinatapete. Nichts ist Konfektion, alles Handarbeit: Quader und Trommelformen, Rechtecke und Ballons, Ovale mit geschwungenem Rand und Kegel. Sie baumeln von der Decke, stehen im Eck, bestücken das Schaufenster. Neue Aufsätze für antike Lampenfüße oder aber Gestelle aus Kalkstein und brüniertem Messing, die der Kunstschlosser Jochen A. Liedtke mit Catherine Grigull zusammen austüftelt. „Licht war immer schon mein Thema – wahrscheinlich, weil ich in Deutschland lebe“, sagt die 41-Jährige, passend zur dunklen Jahreszeit. Geschäftspartnerin Silvia Maria Spieß, 43, fand während ihrer Ausbildung an der Schule der darstellenden Künste „Etage“ zur Papiermalerei. „Von da an konnte ich nicht mehr aufhören. Seit ich Catherine kenne, sind die Träger meiner Malerei eben Lampen.“

Grigull ist die Formgeberin, Spieß die Papierspezialistin. Catherine Grigull fertigte Lampen in ihrem offenen Atelier, ehe sie Silvia Maria Spieß traf und von ihr handgeschöpftes Papier haben wollte. Das Duo harmonierte – auch für eine außergewöhnliche Geschäftsidee.

Seit einem Jahr gibt es „Loupiotte“, die Lampenmanufaktur in der Dresdener Straße. Dort kann man nicht nur Leuchten aus den Kollektionen der beiden kaufen, sondern auch Sonderwünsche anmelden: Die Kunden bringen hübsche Lampenfüße und die beiden Designerinnen schaffen den Leuchtkörper dazu. Die Kunden bringen ausrangierte Lampenschirme und die beiden machen daraus Unikate, verbinden Licht mit Form. Den Service gibt es ab 70 Euro. Lichtkonzepte sind eine Spezialität von Loupiotte. Mit dem Modell „Ballhaus“, einem federleicht anmutenden, warm strahlenden Rund, Durchmesser 80 Zentimeter, haben sie die Coffee-Lounge „Rubens“ am Mehringdamm ausgestattet. Elfmal „Ballhaus“ hängt dort von der Decke, eine Landschaft aus Kapok- und Reispapier. In der Bar „Kirk“ haben sie ein 1,80 Meter langes Oval montiert, ein Lampen-Ufo, das über den Gästen schwebt.

Jeder Auftrag, jedes von Kunden mitgebrachte Stück regt an zu Ideen. Catherine Grigull schließt das Fotoalbum, in dem ihre Kreationen im Bild festgehalten sind. „Es geht immer weiter, es stagniert nie“, sagt sie.

Wie zur Demonstration knipst Silvia Maria Spieß ein Lämpchen von vielen an, eines, das elegant naturfarben zwischen den anderen steht. Als das Licht leuchtet, beginnt der Schirm zu leben: Da flattert ein Nachtfalter auf Papier.

„Loupiotte“ Lampen, Dresdener Str. 20, Kreuzberg, Tel. 61 65 79 99 (www.lampen-loupiotte.de)

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