Mehr Männer in Kitas : Prinzessin rettet Prinz

3,2 Prozent – so niedrig war 2012 der Anteil männlicher Fachkräfte an deutschen Kitas. Über eine derart niedrige Zahl tröstet auch der Anstieg um 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr nicht hinweg. Der Aktionstag „Mehr Männer in Kitas“ versucht Stereotype aufzulösen.

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Mann kann das auch. Jens Baier im Kinderladen „Prinz Güntzel“ ist einer von rund 1500 Erziehern in Berlin.
Mann kann das auch. Jens Baier im Kinderladen „Prinz Güntzel“ ist einer von rund 1500 Erziehern in Berlin.Foto: Kai-Uwe Heinrich

„Jetzt ist er geplatzt“, sagt der Fünfjährige kein bisschen traurig. Gerade hat er mit anderen Knirpsen der Evangelischen Kita Sophien in Mitte bunte Ballons in den Himmel steigen lassen. Dort oben sollten sie für den Aktionstag „Mehr Männer in Kitas“ werben, der am Mittwoch überall in Deutschland stattfand.

So schnell wie die Ballons steigt der Anteil männlicher Fachkräfte in deutschen Kitas allerdings nicht. Er lag im Jahr 2012 bei 3,2 Prozent – das ist eine Steigerung von 0,3 Prozent. „In absoluten Zahlen waren das 13 246 männliche Fachkräfte“, sagte der Mitarbeiter der Koordinationsstelle „Männer in Kitas“, Jens Krabel. Rechne man zu den Fachkräften auch noch die Praktikanten, Zivildienstleistenden, ABMler und freiwillige Helfer hinzu, komme man immerhin schon auf 16 700 beziehungsweise 3,8 Prozent.

„Wir führen diese erstmals deutliche Steigerung des Männeranteils darauf zurück, dass der Ruf nach Männern in Kitas lauter geworden ist“, sagte Krabel. Berlin und Brandenburg gehören seit Jahren zu den Ländern mit den höchsten Steigerungsraten. Die Hauptstadt liegt mit 7,4 Prozent weit über dem Bundesdurchschnitt und hinter Hamburg (9,9) und Bremen (7,9) auf Platz drei. Bei den Städten kann Potsdam auf 8 Prozent stolz sein.

Die Statistik räumt auch mit einigen Vorurteilen auf. So sind Erzieher eben nicht vorwiegend in Leitungsfunktionen tätig (2012 waren das nur 4,7 Prozent) und sie haben häufig einen Hochschulabschluss. Sie leiden wie ihre Kolleginnen unter der schlechten Bezahlung, aber wenigstens die gesellschaftliche Akzeptanz ist gestiegen. Das liegt wiederum auch an den mehr als 13 Millionen Euro, die der Europäische Sozialfonds (ESF) und das Bundesfamilienministerium seit 2011 in 16 Modellprojekte investierten.

Zu diesen gehört der evangelische Kreiskirchenverband für Kindertageseinrichtungen Berlin Mitte-Nord. Er ist Träger von 30 Kitas mit 1800 Kindern. „Wir haben unseren Männeranteil immerhin schon von 8,0 auf 13,5 Prozent gesteigert“, sagt Vorstand Kathrin Janert. Dabei gehe es nicht nur um mehr Fußball durch mehr Männer, sondern um eine „geschlechtsbewusste Pädagogik, die Jungen und Mädchen die Möglichkeit gibt, aus der Rolle zu fallen.“ Und das im wahrsten Sinne des Wortes, erzählt Angelika Hoppe von der Kita Sophien: „So haben wir mit den Kindern Theater gespielt. Dornröschen – erst in der bekannten Form und dann anders. Da hat die Prinzessin eben den Prinzen gerettet.“ Auch Stereotype in Liedern wie den „spannenlangen Hansel“ und die „nudeldicke Dirn“ könne man mit Kindern nach dem Singen wunderbar hinterfragen.

Krischan Kahlert von der Bundesarbeitsgemeinschaft Elterninitiative (Bage) berichtete, dass sich vorwiegend Männer im Alter zwischen 30 und 50 für den Beruf des Erziehers interessieren: „vor allem Akademiker und Studienabbrecher auf der Suche nach neuem Betätigungsfeld, aber auch Berufsumsteiger auf der Suche nach sinnstiftender Tätigkeit, oft aus dem kaufmännischen Bereich.“

Leider werde eine Umschulung zum Erzieher in Berlin erschwert, weil es zu wenig Praxisstellen für eine berufsbegleitende Ausbildung gebe, sagte Bage-Mitarbeiterin Hilke Falkenhagen und forderte eine Anlaufstelle für Quereinsteiger wie sie Brandenburg bereits habe, eine bessere personelle Ausstattung der Kita-Aufsicht und eine(n) Genderbeauftragte(n) für Kitas. Sandra Dassler

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