Berlin : Mehr Masse als Klasse

Gymnasiasten, Haupt- und Realschülern werden schlechte Leistungen bescheinigt. Bildungssenator verweist auf eingeleitete Reform

Susanne Vieth-Entus

Berlin kann die Leistungen der 15-jährigen Schüler jetzt erstmals nach Schulformen mit den übrigen Bundesländern vergleichen. Laut der neuesten Pisa-Auswertung stehen die Gymnasiasten, Hauptschüler und Realschüler sehr schlecht da, nur Gesamtschüler liegen im Mittelfeld. Eine Bewertung dieser Ranglisten ist allerdings sehr schwierig, weil die Schüler extrem unterschiedlich auf die einzelnen Schulformen verteilt sind: Wenn man die 15-Jährigen insgesamt betrachtet, erreicht Berlin das untere Mittelfeld. Dies hatte eine erste Auswertung der Studie im Juni gezeigt.

Besonders gut lassen sich die Tücken der Bildungsstatistik anhand der Berliner Hauptschüler belegen. Sie liegen an letzter Stelle im Bundesvergleich. Dies aber war auch nicht anders zu erwarten, weil nur die schwächsten zehn Prozent eines Jahrgangs die Hauptschulen besuchen. Dies ist nur in Hamburg ähnlich, weshalb auch die Hansestadt sehr schlecht abschnitt. Dagegen besuchen in allen anderen Bundesländern 20 bis 30 Prozent der Schüler eine Hauptschule, so dass eine bessere Leistungsmischung möglich ist. Insgesamt gilt: Je mehr Prozent eines Jahrgangs die Hauptschule besuchen, desto besser das Pisa-Ergebnis.

Genau umgekehrt verhält es sich bei den Gymnasien: Hier gilt: Je mehr Schüler diese Schulform besuchen, desto schlechter die Ergebnisse: Da Berlin – anders als Bayern – nicht nur die besten 25 Prozent auf die Gymnasien lässt, sondern rund 35 Prozent, müssen die Leistungen insgesamt schwächer sein (s. unten).

Weniger einfach stellt sich die Sache bei den Realschülern da. Hier gibt es nicht so einen starken Zusammenhang zwischen dem Anteil der Schüler und der erreichten Leistung: So landet Berlin mit einem Anteil von 21,6 Prozent Realschülern pro Jahrgang auf Platz zehn von zwölf Bundesländern mit Realschulen, wogegen Rheinland-Pfalz bei ähnlichem hohen Anteil (22,2 Prozent) an vierter Stelle im Bundesranking steht. Dies dürfte die Berliner Realschulen in Erklärungsnot bringen. Besser sieht es bei den Integrierten Gesamtschulen aus. Diese Schulform gibt es in acht Bundesländern, Berlin steht auf Platz 4, Brandenburg liegt abgeschlagen auf dem letzten Platz.

Um Berlins Ergebnisse richtig einordnen zu können, muss man auch die wirtschaftliche Situation der Stadt und den Migrantenanteil berücksichtigen. Wenn man Kriterien wie Verschuldung, Arbeitslosigkeit und Sozialhilfeanteil einbezieht, kann kaum jemanden verwundern, dass Berlins Schüler insgesamt nur im unteren Mittelfeld landen. Bei der Arbeitslosigkeit etwa stehen nur Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt noch schlechter da als Berlin. Diese drei Länder haben allerdings einen nur sehr geringen Migrantenanteil, so dass Berlin insgesamt die meisten Probleme auf sich vereinigt.

Angesichts der vielfältigen Gesichtspunkte, unter denen die Pisa-Ergebnisse betrachtet werden müssen, warnte Bildungssenator Klaus Böger (SPD) gestern vor übereilten Schlüssen. Allerdings sei klar, dass die Leistungen der Schulen verbessert werden müssten. Er verwies darauf, dass viele Reformen bereits in die richtige Richtung gingen wie etwa die Einführung von Vergleichsarbeiten und die neuen Rahmenlehrpläne. Er forderte „eine Kultur der Anstrengung für unsere Schüler und der fairen Betrachtung unserer Schulen“.

Die vollständigen Pisa-Ergebnisse werden heute vorgestellt. In Berlin wurden 4500 Schüler getestet. Im ersten Pisa-Durchgang im Jahr 2000 waren zu wenig Hamburger und Berliner Schüler zu den Tests erschienen, so dass diese Stadtstaaten nicht in den Bundesvergleich aufgenommen werden konnten.

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