Berlin : „Mehr Personal ist nicht finanzierbar“

Fehlendes Geld bremst die Qualität der Häuser, sagt Heimverbandsfunktionär Michael Schulz Doch die Preisgestaltung ist nicht frei, sondern muss mit Pflegekassen und Senat ausgehandelt werden

In Berlin kostet ein Pflegeheimplatz für die Pflegestufe III durchschnittlich rund 100 Euro pro Tag. Warum ist ein Heimplatz so teuer?

Bei der nötigen Rund-um-die-Uhr-Betreuung eines Pflegebedürftigen kostet ein Heimplatz im Schnitt 3,63 Euro pro Stunde. Das ist nicht teuer. Für dieses Geld erhalten die Bewohner die Sicherheit, dass Tag und Nacht jemand für sie zur Verfügung steht. Das gilt für Werktage ebenso wie für Feiertage und am Wochenende. Diese 3,63 Euro schließen die Pflege und Betreuung, das Essen und die Getränke sowie den Wohnraum und dessen Reinigung mit ein. Die Pflege ist die personalintensivste Dienstleistung, die es gibt. Von daher machen die Personalkosten rund 70 Prozent der Gesamtkosten aus. Auf der anderen Seite wird ohne Murren ein Hotelpreis akzeptiert, bei dem für dieses Geld noch nicht einmal das Frühstück mit drin ist.

Wie setzt sich der Preis für einen Pflegeheimplatz zusammen?

Jede Pflegeeinrichtung muss ihre Preiskalkulation nach folgendem Muster transparent machen: Pflegevergütung, Unterkunft und Verpflegung sowie Investitionskosten. Die Vergütung für die Pflegeleistungen in Berlin liegt im Durchschnitt aller Pflegestufen bei täglich rund 60 Euro. Das Entgelt für Unterkunft und Verpflegung beträgt rund 16 Euro. Damit liegen wir etwas über dem Bundesdurchschnitt. Hinzu kommen die Investitionskosten für Instandhaltung der Gebäude und für Neubauten, die in Berlin durchschnittlich rund 11 Euro am Tag betragen.

Die Pflegekassen zahlen von den durchschnittlich 100 Euro pro Tag und Heimplatz in der Pflegestufe III ganze 48 Euro. Warum reichen die Leistungen der Pflegeversicherung nicht aus, einen Heimplatz vollständig zu bezahlen?

Die Pflegeversicherung ist eine Teilkaskoversicherung. Laut Pflegeversicherungsgesetz sollten allenfalls die Kosten für die Pflegevergütung getragen werden. Das wären in Berlin aber immer noch die genannten 60 Euro pro Tag. Doch dem stehen in Berlin im Durchschnitt aller Pflegestufen 41 Euro aus der Pflegeversicherung gegenüber. Auf die gesamten Heimkosten gesehen, reicht das Geld aus der Pflegeversicherung nicht einmal zur Deckung der Hälfte der Kosten.

Können die Heime die Preise nach Marktlage selbst festlegen?

Nein. Die Preise werden in Berlin zwischen den Pflegekassen, der Senatssozialverwaltung und dem Heim ausgehandelt. Dabei muss eine Einrichtung alle wirtschaftlichen Informationen und Kennzahlen auf den Tisch legen. Allerdings gelten in Berlin für rund drei Viertel der Heime Gruppenvereinbarungen und keine individuellen ausgehandelten Ergebnisse. Dabei wird auch die Mitarbeiterzahl des Heims vereinbart – und die Einhaltung der Festlegung von den Pflegekassen und der Heimaufsicht kontinuierlich geprüft.

Immer wieder ist von Personalmangel in den Heimen die Rede. Reicht das Geld nicht für ausreichend Personal?

Tatsache ist, dass wir als Heime mehr Personal als heute vorhanden benötigen, da der Pflege- und Betreuungsaufwand stark angestiegen ist. In den Verhandlungen muss jedoch das Land Berlin seine eigenen Haushaltsvorgaben beachten. Wir wissen also alle, dass wir mehr Personal brauchen, dieses kann aber vom Land, dem Sozialhilfeträger, nicht finanziert werden. Das ist eine Qualitätsbremse für die Heime. Von daher ist der Haushalt der Sozialhilfeträger für die Pflege dringend zu erhöhen. Aktuell haben wir für Berlin neben einer kleinen finanzierten Steigerung der Personalmenge ansonsten eine doppelte Nullrunde für die Personalkosten und nur leichte Steigerungen bei den Sachkosten vereinbart.

Die Zuzahlungen zu einem Platz in Berlin schwanken enorm: Sie reichen von rund 40 Euro bis zu über 100 Euro pro Tag in der Pflegestufe III. Wieso ist die Spannbreite so groß?

Das kann zum Beispiel an den Spezialisierungen liegen, denn die Betreuung von Demenzkranken oder Wachkomapatienten ist sehr personalintensiv und deshalb teurer. Es kann auch an der Förderung durch den Staat liegen. Hat der zum Beispiel zuvor einen Neubau unterstützt, kann das Heim dem Bewohner sehr viel niedrigere Investitionskosten berechnen.

Ist teuer gleich gut?

Die Frage ist zu pauschal. Es gibt eine Vielzahl der unterschiedlichsten Formen der Pflege und der Pflegeheime. Heime mit Spezialisierung haben notwendigerweise andere Preise. Deshalb lassen sich die Preise eigentlich auch nicht vergleichen. Auch die Baustruktur ist wesentlich für die Kosten. Gibt es ein eigenes Bad, wie groß sind die Räume? Viele Heime wurden vom Staat gefördert, andere nicht. Die geförderten Häuser können niedrigere Investitionskosten berechnen, weil der Steuerzahler für den Neubau gezahlt hat. Deshalb schwanken die Investitionskosten in Berlin zwischen wenigen Cents pro Tag und bis an die 30 Euro pro Tag. Das aber wird sich ändern, weil die staatliche Förderung eine immer geringere Rolle spielt.

Das ist sicher für die Kalkulation des Heimträgers interessant. Was aber sagt der Preis dem, der einen Heimplatz sucht?

Für den hilfebedürftigen Menschen und seine Angehörigen zählt letztlich, ob der zu zahlende Preis mit den Vorstellungen der Pflege und Betreuung übereinstimmt. Deshalb muss es immer heißen, Heime vor Ort falls möglich mehrmals ansehen, Augen auf, die Sinne einschalten und vor allem viele Fragen stellen.

Werden durch das Pflegestufen-Modell die Heime bestraft, die in die Rehabilitation investieren?

Nur bedingt ja. Denn wer heute in ein Heim geht, der ist schwer pflegebedürftig und benötigt eine 24-Betreuung-Betreuung. Da ist eine Besserung eher unwahrscheinlich. Die Pflegeheime und ihre Mitarbeiter sind verpflichtet, aktivierend zu pflegen, was vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung auch geprüft wird. Bei einer Nachbegutachtung kann es natürlich zu einer niedrigeren Pflegestufe kommen. Das ist doch auch für alle Mitarbeiter eine tolle Motivation. Ich kenne keinen Mitarbeiter, der sich nicht darüber freut, dass es dem ihm anvertrauten Menschen besser geht. Wünschenswert wäre, es im Pflegeheim nur zwischen pflegebedürftig und nicht pflegebedürftig zu unterscheiden, und die Koppelung des Preises zur Pflegestufe fallen zu lassen. Das würde für alle Seiten vieles einfacher machen und eine enorme Bürokratie abbauen. Denn die Pflegestufen sind mit dem Personalschlüssel verknüpft. Eine Herabstufung bedeuet weniger Geld für Personal. Um den Heimen, den Bewohnern und dem Personal mehr Planungssicherheit zu geben, sollte es nur eine Einheitspflegestufe pro Heim geben.

Lohnt es sich denn überhaupt, privat ein Pflegeheim zu betreiben?

Wenn man vor Augen hat, dass man eine soziale Verantwortung für die einem anvertrauten Menschen hat und bei weitem keinen zweistelligen Gewinn erwartet, ja. Aber natürlich müssen diese Einrichtungen auch Gewinn machen dürfen. Aber das ist ja auch nicht ehrenrührig.

Michael Schulz leitet das Hauptstadtbüro des Verbandes Deutscher Alten- und Behindertenhilfe, einer der bundesweit größten privaten Trägerorganisationen. Mit ihm sprach Ingo Bach.

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