Berlin : Mehr Phantasie für West-Berlin

CDU-Kulturpolitiker Uwe Lehmann-Brauns vermisst Ideen als Mittel gegen Verlusterfahrungen

Werner van Bebber

Desinteresse und ein Mangel an Fantasie – das sind für den CDU-Kulturpolitiker Uwe Lehmann-Brauns die Gründe für das im alten West-Berlin zu bemerkende Verlierergefühl. Dieses hat sich in den vergangenen Wochen bei vielen Gelegenheiten Ausdruck verschafft, beim Protest gegen die Abkoppelung des Bahnhofs Zoo vom ICE-Verkehr wie bei den Demonstrationen gegen die Schließung der beiden Boulevardtheater am Kurfürstendamm. Vor kurzem behauptete Kultursenator Thomas Flierl (Linkspartei) im Tagesspiegel-Interview, er habe „besonderes Verständnis für die immer wieder aktualisierbare Sorge vor dem Bedeutungsverlust des früheren West-Berlin“. Doch ohne ihn wären die Verluste noch größer – das Universitätsklinikum Benjamin Franklin, das Studentendorf Schlachtensee und die Deutsche Oper würden so nicht mehr existieren.

Lehmann-Brauns hält das für eine zynische Behauptung. Neun Beispiele (siehe Kasten) zeigten, dass Flierl sich unberechtigterweise „als Freund West-Berlins“ spreize und auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit kein wirkliches Interesse an der Erhaltung der kulturellen Substanz im Westteil der Stadt habe. Der Bahnhof Zoo werde zum Provinzbahnhof degradiert. Die Yorckbrücken, ein weiteres Westberliner Wahrzeichen, sollten abgerissen werden, ebenso die beiden Bühnen am Kurfürstendamm. Die großen West-Berliner Kulturstandorte von Dahlem über Tiergarten bis Charlottenburg würden mit weiteren Abzügen von Museumschätzen in Richtung Mitte entwertet. Die Flughäfen Tegel und Tempelhof sollten einfach dicht gemacht werden. Am Checkpoint Charlie etwa gebe es statt der Gedenkzeichen für die Opfer des DDR-Grenzregimes zwei Brachen.

Lehmann-Brauns betonte, er wolle den Westen nicht gegen den Osten ausspielen. Auch sei keines der neun Beispiele, für sich genommen, ein Zeichen dafür, dass der Senat Politik auf Kosten von West-Berlin mache. Es fehle aber an Ideen und Vorschlägen, um dem Substanzverlust entgegenzuwirken.

Stattdessen ließen Wowereit, Flierl und auch Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer einen politisch-kulturellen Sog in Richtung der neuen Mitte zu, der zu Berlin mit seinen vielen Zentren nicht passe und in einen „spießigen Zentralismus“ münde, meint Lehmann-Brauns. Wowereit habe bislang wegen seines zerstörten Verhältnisses zu Bahnchef Hartmut Mehdorn nichts für die ICE-Anbindung des Bahnhofs Zoo getan. Auch im Umgang mit der Deutschen Bank und deren Immobilientochter, welche die Boulevardtheater am Kurfürstendamm schließen wollen, wäre der Senat gut beraten, wie im Streit mit der Bahn die Bundesregierung einzubeziehen. Die kulturelle Ausdünnung von Dahlem oder Charlottenburg zugunsten der Museumstandorte in Mitte könne aufgehalten werden, indem man neue Nutzungskonzepte zum Beispiel für das Charlottenburger Schloss entwickele. Lehmann-Brauns bestritt nicht, dass die Demontage West-Berlins mit der Schließung des Schiller-Theaters durch die CDU-geführte große Koalition begonnen habe. Dagegen sei er damals schon gewesen, sagte er. „Selbst wenn die Union am Sündenfall schuld war, ist das doch kein Grund, solche Entwicklungen fortzuschreiben.“

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