• MEHR SCHUTZ FÜR KINDER Wie Familien besser geholfen wird: Mit der Erziehung überfordert

MEHR SCHUTZ FÜR KINDER Wie Familien besser geholfen wird : Mit der Erziehung überfordert

Viele Eltern suchen Rat bei der Hotline Kinderschutz. Auch Weihnachten musste der Notdienst helfen

Sabine Beikler

Immer mehr Eltern können die Erziehung ihrer Kinder nicht mehr bewältigen. Allein in diesem Jahr haben Mitarbeiter des Kinder- und Jugendnotdienstes rund 6000 Beratungsgespräche geführt. Genaue Zahlen liegen zwar im Vergleich zum Vorjahr noch nicht vor, doch „registrieren wir eine deutliche Zunahme von Anrufen überforderter Eltern von Kindern und Jugendlichen“, sagte Andreas Neumann-Witt, Leiter des Notdienstes. Auch während der Weihnachtsfeiertage klingelten die Telefone im Notdienst und bei der im Mai eingerichteten Hotline Kinderschutz. Zweimal musste der Notdienst sogar umgehend handeln: In einem Fall schickte er einen Mitarbeiter zu einer Familie – im anderen Fall wurde die Polizei informiert.

Beide Fälle gingen glimpflich aus: In dem einen Fall war die Mutter eines drei Jahre alten Kindes offenbar stark alkoholisiert. Der besorgte Vater rief die Hotline an. Eine Mitarbeiterin konnte bei ihrem Besuch helfen, eine „innerfamiliäre Lösung“ zu finden, hieß es. In dem anderen Fall wandten sich Nachbarn an die Hotline, weil sie sich um Kinder sorgten, die in einer Wohnung offenbar pausenlos angeschrien wurden. Nach der telefonischen Schilderung informierte die Mitarbeiterin die Polizei. Die Beamten fuhren zu der Wohnung und machten sich ein Bild von der Situation. Es gab keine Anzeichen von Verwahrlosung, der Vater konnte beruhigt werden: In beiden Fällen wurden die Kinder in der Familie belassen.

Allein 700 Anrufer haben sich seit Einrichtung der Hotline-Kinderschutz im Mai gemeldet. Die Telefonnummer 61 00 66 betreibt das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg für ganz Berlin. „Die Anruferzahlen sind sehr hoch. Sie zeigen aber auch, dass Menschen sehr aufmerksam sind und nicht mehr wegschauen“, sagte Kreuzbergs Jugendstadträtin Monika Herrmann (Grüne). Im April hat der Senat das Netzwerk Kinderschutz eingerichtet. Dabei sollen Notdienste, Polizei, Jugendämter, Hebammen und Kinderärzte intensiver kooperieren. „Eine wesentliche Aufgabe ist es, Eltern zu beraten“, sagt Herrmann und ergänzt: „Wir müssen aber auch die Kinder anschauen.“ Dafür fehlt es in den Bezirken aber an Personal. Ein Beispiel: Allein zwischen Mariannenplatz und Lausitzer Platz in Kreuzberg leben 5000 Kinder und Jugendliche. Der Bezirk hat aber nur sechs Sozialarbeiter für diese Gegend, die Familien besuchen können. 319 Millionen Euro erhalten die Bezirke vom Senat zwar für die „Hilfen zur Erziehung“, doch kritisieren Grüne, CDU und FDP, dass die Mittel in den vergangenen Jahren gekürzt wurden.

Schätzungen zufolge werden bundesweit fünf bis zehn Prozent aller Kinder unter sechs Jahren vernachlässigt. Künftig wollen Bund und Länder Kinder besser vor Vernachlässigung und Misshandlung schützen: Auf einem Spitzentreffen vor Weihnachten haben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten unter anderem ein „verbindliches Einladungssystem“ für Vorsorgeuntersuchungen vereinbart. Bis März erarbeitet die Senatsgesundheitsverwaltung ein solches System für Berlin.

Bereits im Juni 2006 haben die 16 Justizminister beschlossen, dass Familienrichter künftig schneller in das Sorgerecht eingreifen können. Ein Gesetzentwurf des Bundesjustizministeriums wurde im Kabinett im Juli dieses Jahres verabschiedet. Das geplante Gesetz sieht neue Möglichkeiten unterhalb der Schwelle des Sorgerechtsentzugs vor, um auf überforderte Eltern einzuwirken: So können Eltern verpflichtet werden, das Kind in einen Kindergarten zu geben oder öffentliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Und anders als bisher setzen solche Maßnahmen nicht mehr voraus, dass ein Fehlverhalten der Eltern nachgewiesen werden konnte. Das Gesetz wird derzeit in den Bundestagsausschüssen beraten und soll Mitte 2008 in Kraft treten.

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