Berlin : Mehr Unterricht

„Treffpunkt Tagesspiegel“ im Hotel Intercontinental: Diskussion über die Qualität der Schulen / Senator Böger will Bayern nacheifern „Es ist beschämend, wie manche Schulen aussehen.“ Klaus Böger, Bildungssenator „Unsere Eltern wollen christliche Erziehung und Qualität.“ ManfredHermann, Ev. Schulstiftung „Ich bin eine heiße Verfechterin von Ganztags- schulen.“ Susanne Lothar, Schauspielerin „Für finnische Resultate braucht man finnische Ressourcen“. Hinrich Lühmann, Gymnasialleiter „Die freien Schulen erleben einen ungeheuren Boom.“ Gerd Appenzeller, Tagesspiegel

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Eine Überraschung hatte Bildungssenator Klaus Böger (SPD) im „Treffpunkt Tagesspiegel“ am Montagabend zu bieten: „Ich möchte, dass Berliner Grundschüler so viel Unterricht haben wie in Bayern“, sagte er dem verblüfften Auditorium. Über 300 TagesspiegelLeser waren im Hotel Intercontinental zusammengekommen, um der Debatte „Berliner Schulpolitik – wo bleibt die Qualität?“ zu folgen. Längst nicht alle Anmeldungen konnten berücksichtigt werden.

Bevor Böger Bayern als Ziel vorgab, hatte Hinrich Lühmann, Leiter des Tegeler Humboldt-Gymnasiums auf dem Podium kritisiert, dass „in der Grundschule zu wenig Schule ist“. Wer Qualität wolle, müsse früh investieren – durch mehr Unterricht und individuellere Betreuung.

Dem pflichteten auch die Eltern bei. „Kleinere Klassen wären wichtig – und Hausaufgabenbetreuung“, sagte Susanne Lothar, Schauspielerin und Mutter zweier Kinder. Außerdem müsse es unbedingt mehr Ganztagsschulen geben. Das diene Eltern und Kindern.

Viele Eltern wollen aber nicht auf Verbesserungen in den öffentlichen Schulen warten: Tagesspiegel-Redaktionsdirektor Gerd Appenzeller verwies auf den „Boom“ bei den Gründungen von freien Schulen und wollte vom Bildungssenator wissen, ob nicht eine „soziale und intellektuelle Entmischung“ drohe, wenn bildungsinteressierte Familien den öffentlichen Schulen „weglaufen“.

Böger sieht diese Gefahr nicht, da der Anteil der freien Schulen in Berlin vergleichsweise gering ist: Selbst wenn sie ihre Kapazitäten von jetzt fünf auf zehn Prozent verdoppelten, womit er rechne, liege das noch im Bundesschnitt. Manfred Hermann von der Evangelischen Schulstiftung kritisierte allerdings, dass der Senat die freien Schulen und ihre Qualität nicht richtig würdige, wenn er ihnen „keine zuverlässige Finanzierung“ biete.

Aber was ist nun mit der Schulqualität an den sozialen Brennpunkten? Moderator George Turner verwies auf die verheerenden Ergebnisse der Vergleichsstudie „Vera“ unter Viertklässlern. Böger räumte ein, dass ein „Riss durch die Stadt“ gehe. Vergleichsarbeiten wie Vera würden helfen, die Probleme besser zu erkennen. Im Übrigen fehle es an Geld, um manche Probleme anzugehen. Er werde nicht müde, gegenüber dem Finanzsenator diese Ansprüche zu vertreten.

Von den Zuhörern kam viel Kritik – am Bildungssenator. Wenn es Böger um Qualität gehe, dürfe er die Schließung des Karlshorster Coppi-Gymnasium nicht zulassen, forderten wütende Eltern. Er dürfe den Oberstufenzentren nicht die Bibliothekare wegnehmen und müsse den Schulen genügend Personal lassen.

Übrigens: Wie viel Unterrichtsstunden den Berliner gegenüber den bayerischen Schülern fehlen, konnte Bögers Verwaltung gestern nicht ermitteln. sve

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