Berlin : Mehr Zeit als das Protokoll erlaubt

Zu seinem ersten Neujahrsempfang im Schloss Charlottenburg hatte Horst Köhler viele Fragen mitgebracht und nahm sich ausgiebig Zeit für Gespräche mit engagierten Bürgern und Fluthelfern

Elisabeth Binder

Mehr als dreißig Minuten haben sie überzogen. Das ist nicht gerade wenig, wenn das Mittagessen für die verdienten Bürger fast schon auf den Tischen dampft. Bundespräsident Horst Köhler und Frau Eva Luise ließen sich aber nicht aus der Ruhe bringen. Bei ihrem ersten Neujahrsempfang für die ehrenamtlich engagierten und also verdienten Bürger des Landes und die Spitzen der Gesellschaft konnte man sich gut vorstellen, wie sie auf internationalen Empfängen aufgetreten sind. Ein eingespieltes Paar, offen für mehr als Small Talk, entspannt, gelassen, mit gutem Gespür für das Maß an Herzlichkeit, das Menschen verdienen, die ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten ihrer Mitmenschen oft radikal zurückstellen. Die Routine wird sich später dazugesellen, und manches beschleunigen.

Diesmal schaute Protokollchef Martin Löer mit stetig wachsender Konzentration, dabei immer verständnisvollem Lächeln, wenn sich ein Gespräch mal etwas über Gebühr in die Länge zog. Vorgaben bekommen die hier geladenen Gäste nicht. Am schnellsten ging’s mit Angela Merkel. Zwei routinierte, vertraute Händedrucke, das war’s, obwohl die Kameras da besonders laut klickten und Erinnerungen weckten an letztes Jahr, als jeder sich fragte, ob sich beim Defilee auch zufällig der Nachfolger von Johannes Rau outen würde, was nicht geschah. Neu war diesmal das Ambiente, da das Schloss Bellevue noch renoviert wird. Allerdings merkte man wohltuend das Engagement, mit dem Schloss Charlottenburg in ein würdig-schlichtes Provisorium verwandelt wurde. Obwohl es vergleichsweise natürlich beengt bleibt.

Den Anfang machte um zehn Uhr morgens Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, als Schlusslicht trat gegen ein Uhr mittags das Bundeskabinett mit Bundeskanzler Schröder an der Spitze auf. Dazwischen unter anderem die verdienten Bürger. Für sie ist der Empfang ein einmaliger Höhepunkt nach oft vielen Jahren intensiven Engagements, und sie erlebten einen Bundespräsidenten, der sich ausgiebig erkundigte.

Die Kunst, zuhören zu können praktiziert Marion Klesse, Vertrauenslehrerin an der Marienburg-Realschule in Charlottenburg, seit über 25 Jahren. Ob es um Kummer mit der demenzkranken Oma geht oder um Alkoholismus der Eltern, die Kinder können sich darauf verlassen, dass sie über das Gehörte schweigt und hilft, die Probleme zu lösen. Mit Joachim Edwin Werner wurde noch ein zweiter Lehrer aus Berlin eingeladen. Er gründete eine Big Band am Paul-Natorp-Gymnasium und tritt damit auch zugunsten von Aidskranken und Suppenküchen auf. Tetsuo Terasaki, ebenfalls aus Berlin, war eingeladen, weil er mit japanischen Sponsoren aus Freude über die Wiedervereinigung mittlerweile über 9000 Zierkirschen an besonderen Orten der früheren Grenze gepflanzt hat. Für Jürgen Klaus Koglin, der sich gern als „waschechter Berliner“ outete, war die Frage des Präsidenten nach der Stimmung in der Stadt gleich Anlass „auf der Stelle mal’n bisschen loszusprudeln“. Unter anderem richtet er in seiner Freizeit zusammen mit Polizei und Verkehrswacht Kinderfahrradturniere aus. Aus Bergholz- Rehbrücke waren noch Bernd Henning dabei, der Jugendliche motiviert, sich als Denkmalschützer zu engagieren, und Dietmar Beuchel, der sich schon zu DDR-Zeiten als Gemeindepfarrer für die Integration verschiedener Religionen einsetzte. Eckard Blum war aus Schwedt gekommen. Seit fünf Jahren koordinert er ein Netzwerk für Zuwanderer.

Auf Wunsch des Bundespräsidenten war diesmal auch eine Gruppe von Fluthelfern dabei. Für die nahm Horst Köhler sich extra Zeit, wollte etwa von der Rotkreuz-Ärztin Iris Härtle, die fünf Tage in Thailand im Einsatz war, wissen, ob die Helfer nicht psychische Betreuung bräuchten. So knapp war die Zeit, dass auch die Pause beim Defilee gestrichen werden musste. „Er hat halt Kondition“, sagte ein Mitarbeiter des Präsidenten stolz. „Das haben wir schon beim Staatsbesuch in Afrika gesehen.“

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